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Aktiv für die Psyche

Theorie und Werkzeugkasten für die Praxis

Von Bewegung profitieren nicht nur gesunde Menschen, sondern erwiesenermaßen auch Menschen mit psychischen Störungsbildern. Doch klafft hier eine Lücke zwischen möglichen Angeboten und dem Bedarf, den man gar nicht genau beziffern kann, weil psychisch erkrankte Personen selten von sich aus ein Bewegungsprogramm wünschen. Selbst in der Klinikorganisation, so beschreibt Viola Oertel-Knöchel, Psychologische Psychotherapeutin, Sportwissenschaftlerin und Herausgeberin dieses Buches, existiert keine etablierte Praxis in der psychiatrischen und psychosomatischen Versorgung. Es werden zu wenig Stunden angesetzt, die räumliche Ausstattung lässt zu wünschen übrig, die Sportwissenschaftler wissen meist zu wenig über die Krankheitsbilder und die Psychotherapeuten zu wenig über den Sport. Im ambulanten Bereich mangelt es ganz allgemein an spezifischen Bewegungsangeboten.

Das Buch „Aktiv für die Psyche – Sport und Bewegungsinterventionen bei psychisch kranken Menschen“ (2016) von Viola Oertel-Knöchel und Frank Hänsel (Hrsg.) verbindet das Wissen aus den Fachbereichen Sport, Psychotherapie und Psychiatrie zu einem Gesamtkonzept. Sie vermitteln das nötige Know-how, das Sport- und Bewegungstherapeuten für diese Patientengruppe benötigen, gleichzeitig erweitert es das Verständnis von Psychotherapeuten für Bewegungsinterventionen. An der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der J.W. Goethe-Universität Frankfurt wurden, in dem im Buch erwähnten Forschungsprojekt, zwei Übungsleiter eingesetzt, ein Sportwissenschaftler und ein Psychologe. Das ist sicherlich ein Idealzustand, den man gerade im ambulanten Bereich, und wenn man hier vielleicht an Vereinsangebote denkt, wohl eher selten vorfindet. Entscheidend ist vor allen Dingen das Wissen über die spezifischen Krankheitsbilder, die eventuelle Medikation und besonders auch die Motivationsbarrieren der Betroffenen, um dann langfristige Verhaltensänderungen einzuläuten.

Nach der Einleitung stellen die Autoren anhand der Studienlage zunächst die biologischen und psychologischen Effekte des Sporttrainings für die unterschiedlichen Krankheitsbilder kurz dar. Das ist ein guter Einstieg in die Thematik. Im zweiten Teil werden die psychischen Störungsbilder sehr verständlich ausgearbeitet. Darüber hinaus, und das finde ich besonders wichtig für die Sporttherapeuten, wird die Psychopharmakotherapie mit eingeschlossen. Die Auswirkungen, die eine Medikation auf das Sporttreiben hat, wird selten thematisiert. Im dritten Teil werden sportwissenschaftliche Grundlagen erörtert und hier neben der Sportmedizin, der Trainingswissenschaft, der Sportpsychologie auch die Bewegungswissenschaft mit aufgenommen. Das gefällt mir ebenfalls sehr gut, weil die sportliche Aktivität nicht nur biologische Anpassungsprozesse beinhaltet, sondern auch Bewegungslernen mit einschließt. Eine Person, die von einem psychischen Störungsbild betroffen ist, ist in der Informationsaufnahme meist eingeschränkt und das wirkt sich natürlich auch auf die Bewegungsausführung aus, kommt eine Psychopharmakotherapie noch hinzu, ist dieser Faktor auch zu berücksichtigen.

Teil 4 und 5, die zusammen rund 140 Seiten für sich in Anspruch nehmen, stellen die anwendungsbezogenen Aspekte in den Vordergrund. Dabei kommen auch Praktiker ganz konkret zu Wort. Es wurden Übungsleiter und Bewegungstherapeuten zu ihrer Umsetzung und Erfahrung im Sportbereich mit psychisch erkrankten Teilnehmern interviewt. Diese kurzen Passagen vertiefen das theoretische Wissen auf schöne Weise. Der Werkzeugkasten als Teil 5 beinhaltet eine umfangreiche Übungssammlung, die als Ideenpool für die Stundenplanung genutzt werden kann.

Dieses Fachbuch ist sehr leserfreundlich geschrieben, übersichtlich gestaltet und mit seinen 280 Seiten nicht zu umfangreich. Für Berufsgruppen, die im Sport mit psychisch erkrankten Personen arbeiten, eine Bereicherung. Im Buch wird durchgängig von Übungsleitern gesprochen, das auf der einen Seite die Hemmschwelle gerade im ambulanten Bereich senkt, sich diesem Format zu öffnen, auf der anderen Seite, sollte dies nicht dazu veranlassen, zu leichtfertig zu werden. Die Assoziationen, die mit dem Begriff einhergehen, sind meist mit dem „normalen“ Trainer im Vereinssport verbunden. Ein kleiner Wermutstropfen zum Schluss. Die Bindung meines Buches ist nach einmaligem Lesen leicht angeschlagen. Die vorderen Seiten des Inhaltsverzeichnis lösen sich leider schon. Ich hoffe, dass es dabei bleibt, weil ich es sicherlich noch häufiger in die Hand nehmen werde.

Der Springer-Verlag bietet für dieses Buch zusätzlich Onlinematerialien an. Dabei handelt es sich einmal um Stationskarten. Wenn man sich diese laminiert oder auf dickerem Karton ausdruckt, kann man sie im Training gut einsetzen. Und um hilfreiche Informationen zum Musikeinsatz im Aerobic-Training. Wie sollte die Musikstruktur sein und Hinweise zu den Taktschlägen pro Minute.

Oertel-Knöchel, Viola/Hänsel, Frank (Hrsg.) (2016). Aktiv für die Psyche. Sport und Bewegungsinterventionen bei psychisch kranken Menschen. Berlin, Heidelberg: Springer.

ISBN 978-3-662-46536-3

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