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Auf freiem Fuß

Eine Sommerlektüre für Erlebnishungrige

Sabrina Fox ist mir irgendwann im Sommer 2015 in einer Talkshow aufgefallen als sie barfuß Platz nahm. In ihrem Buch erwähnt Sie die Sendung von Tietjen und Bommes. Ich weiß es nicht mehr so genau. Auf jeden Fall interessierte es mich, weil ich selbst seit April 2015 barfuß unterwegs bin, jedoch mehr läuferisch. Ich bat Sie um ein Rezensionsexemplar ihres Buches „Auf freiem Fuß“ - welches mir der Ullstein Verlag zukommen ließ - und wechselten kurz ein paar Mails. Die Erfahrungen sind ähnlich, wenngleich sie, aufgrund ihres Lebensstils, wesentlich umfangreichere Eindrücke sammeln konnte und bei den Recherchen zusätzlich mit Fachleuten sprach. Für die bevorstehende Sommersaison weckt es die Lust auf Eigeninitiative.

Erleben ist ein zentraler Punkt unseres Daseins. Jeder möchte etwas erleben, doch suchen wir es meist weit weg und nicht am Ort des Geschehens in uns selbst. Sabrina Fox eröffnet mit ihrem Selbstversuch eine neue, ungewohnte, eigentlich selbstverständliche und natürliche Perspektive auf die Füße. Das Fußerlebnis der heutigen Zeit beschränkt sich in der Regel auf den Verpackungskauf, gerade bei Frauen in nicht unerheblichem Maße. So beginnt die Autorin selbst gleich mit einer Aufräumaktion und Besinnung. Sie beschäftigt sich seit gut 25 Jahren mit ganzheitlichen Themen und einer natürlichen Lebensweise. Nun wagt Sabrina Fox das Experiment, ein Jahr ohne Schuhe zu gehen. Doch das Schuhthema lässt sie nicht wirklich los. Ein kleines Paar trägt sie für alle Fälle immer in ihrer Handtasche und das Feld der Barfußschuhe ist auch spannend oder das Interesse, mit welchen anderen Hilfsmitteln Füße noch bedeckt werden können, um sie gegebenenfalls zu schützen. Darüber hinaus ist das gesellschaftliche Denken komplett auf Schuhtragen ausgelegt, so dass die Befindlichkeiten eines Gegenübers bedacht werden müssen. Das Barfußsein erfährt in mancherlei Hinsicht Restriktionen.

Das sollte jedoch nicht dazu führen, dass sich Menschen vom Barfußsein und damit von ihren eigenen Füßen und ein Stück weit auch von sich selbst entfernen. In Gesprächen erfahre ich immer wieder: ich bin viel barfuß – zu Hause! Beim Lesen des Buches wird schnell klar, was demjenigen dadurch an wertvollen Erfahrungen entgeht. „Was mich am meisten beim Barfußgehen überrascht hat, war das Gefühl von Freiheit, das man damit bekommt.“, beschreibt Sabrina Fox im Klappentext. Genau dieses Argument führe ich auch als erstes auf, wenn ich nach meinem Barfußlaufen gefragt werde. Dieses Gefühl kann man nicht vermitteln, man muss es erleben.

Die Freiheit der Füße führt zu einer Bewusstheit auf mehreren Ebenen. Die Erste bezieht sich auf das Körperliche. Wir merken, wie wir im Leben stehen und gehen. Wo liegen die Druckbelastungen auf dem Fuß - mehr im vorderen, mehr im hinteren oder auf dem ganzen Fuß? Wie gehen wir? Setzen wir mit dem Vorfuß, mit dem Mittelfuß oder mit der Ferse auf? Wie ist die Haltung, liegt der Körperschwerpunkt hinten, mittig oder vorne. Die Füße liefern dafür wesentliche Informationen. In Schuhen ist dies nur eingeschränkt möglich.Wie fühlen sich die Füße an? Was passiert mit der Haut? Entgegen aller Befürchtungen wird sie ledrig-samt. Sabrina Fox beschreibt sehr anschaulich ihre eigenen Erfahrungen, bezieht aber Literatur oder die Fachkompetenz eines Profis mit ein.

Die zweite Ebene betrifft die Wahrnehmung der Umwelt und der Natur. Dieser sinnliche Aspekt ist durch nichts zu ersetzen. „Wenn ich auf einer Wiese gehe, dann habe ich das Gefühl, als ob meine Füße Fühler bekommen und in die Erde wachsen.“ (S195) Ist der Boden rauh oder glatt, kalt oder heiß, weich oder hart, angenehm oder unangenehm, nass oder trocken oder wie auch immer. Die Autorin nimmt die LeserInnen auf schöne, teils humoristische Weise, mit in ihre Welt der Entdeckungen. „Je länger ich barfuß gehe, desto mehr genieße ich die unterschiedlichen Temperaturen und das Erspüren der unterschiedlichen Bodenbeläge an meinen Fußsohlen.“ (S.232) Sabrina Fox gelingt es auch im Winter, mehrere hundert Meter in der Kälte zu gehen, bevor sie die Füße wieder aufwärmt. Das Barfußsein ist ein wahrer Schatz für den gesamten Menschen. Schuhe sperren uns von diesen Empfindungen aus. Diese Sinneswahrnehmungen führen dann zu einer Metaebene, die psychische und seelische Prozesse aktivieren. Was macht dies mit einem? Welche Themen bewegen dann? Das ist bei jedem natürlich anders.

Ein weiterer Bereich wird oben schon einmal erwähnt. Der Mensch lebt nicht allein. Die Barfußfreude zu leben, bedarf doch eines gewissen Selbstbewusstseins. Wie reagieren die Mitmenschen? Aufmerksamkeit wird einem zu teil - dies muss man mögen oder zumindest aushalten können. Barfußgänger stellen sich häufiger die Frage: Habe ich heute Lust auf Diskussionen oder Anmerkungen oder lenke ich gar mit meinem Barfußsein vom eigentlichen Thema ab? Frau Fox wollte beispielsweise ihr Buch über „Wechseljahre“ vorstellen. Das Gespräch in der Talkshow wurde auf die Füße reduziert. Eine Natürlichkeit wird zur Besonderheit und damit zum zentralen Thema. Lorenz Kerscher, ein Barfußgänger, beschreibt es treffend: Wir sind alle barfuß geboren. Es ist nicht außergewöhnlich, sondern normal.

Zu Beginn des Buches wirkt Sabrina Fox sehr euphorisch, lässt wenig Raum für Nicht-Barfußsein bis ihr zum Ende wieder Argumente für das Schuhwerk einfallen. Ausschließlich barfuß zu sein, ist schon anstrengend, weil die Füße auch häufiger am Tag gewaschen werden müssen. Da ist ein beiläufiges Schuhe ausziehen praktischer. Wahrscheinlich ist eine Mischung, wie so oft im Leben, eine sinnvolle Wahl. Mut haben, sich barfuß in der Welt zu bewegen, sich die direkten Erlebnisse nicht nehmen lassen und dabei die positiven Eigenschaften der Schuhe nicht verdrängen. Barfußsein verändert. Ein lesenswertes Buch.

Fox, Sabrina (2015). Auf freiem Fuß. Ein Jahr ohne Schuhe? Ein Experiment. Berlin: Ullstein Buchverlage.

ISBN 978-3-548-74533-6

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