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Dem Geheimnis des Laufens auf der Spur

Die psychologische Seite des Laufens

Ich werde von meinen Klienten immer wieder gefragt, wie es mir gelingt, regelmäßig zu laufen, welche Motivationsstrategien ich anwende. Das ist der eine Aspekt, weshalb mich dieses Buch anspricht und zum anderen beschäftige ich mich zur Zeit mit meiner eigenen Laufbiografie und bin selbst überrascht, dass ich nun schon seit 30 Jahren langlaufe. Da ich mich sehr selten Wettkämpfen stelle, also die sportliche Herausforderung nicht das Hauptargument liefern kann, werden es doch die psychologischen Komponenten sein, die das Laufen für mich so wertvoll machen.

Der Buchrücken verrät das Anliegen des Buches: „Eine Anregung zum Diskutieren – eine Anregung, sich selbst im Laufen besser zu verstehen – vielleicht auch eine Anregung, mit dem Laufen zu beginnen – und viele praktische Tipps, gewonnen aus psychologischer Einsicht!“ Der Begriff Anregung ist dabei facettenreich und emotional zugleich. Der Inhalt als Ermunterung ins Gespräch zu kommen, über dies zu sich selbst verführt zu werden, vielmehr, über die Anziehungskraft ins Laufen zu finden. Gönnen Sie sich die Zeit mit der Publikation aus dem Jahr 2008 von Andreas M. Marlovits „Lauf-Psychologie – dem Geheimnis des Laufens auf der Spur“. Nehmen Sie auch die Zeichnungen von Rolf Jahn wahr, dem Schöpfer der Raldystischen Kunst, bei der die Bildfindung aus der unbewussten Linie entsteht. Diese Kombination verleiht dem Ganzen noch eine weitere Bezugsebene.

Das Laufen hat immer auch einen kulturellen Aspekt, so ist es nach Marlovits, heute, die Antwort auf die Digitalisierung der Welt. Aus welchen Gründen Menschen laufen, wurde in 100 Tiefeninterviews erforscht, die jeweils so lange dauerten, wie sie benötigten, meist um die zwei Stunden. Aus diesem Datenmaterial wählte der Autor - Psychologe, Sportwissenschaftler und Theologe - ein prägnantes Beispiel heraus, dass er als Grundlage für seine psychologischen Analysen heranzog, um dem „Geheimnis des Laufens auf die Spur zu kommen“. Ich möchte die Ergebnisse hier nicht replizieren, sondern nur andeuten, dass es in eine besondere Form des Tagträumens, des Fließens oder des Sich-Fühlens führt, aus einer Situation der Stagnation oder Hypermobilität heraus. Es ist eine Möglichkeit aus einer gefühlten Differenz zwischen sich und der Welt, eine Veränderung zu mehr Einheit zu erleben. Die Gleichförmigkeit der Bewegung könnte man als Halt im Prozess der Widerstandsauflösung verstehen. Marlovits versteht es auf anschauliche Weise und wissenschaftlich fundiert, den Leser mit in die psychologische Welt des Laufens zu nehmen.

Der Marathonlauf darf natürlich nicht fehlen, da er so viele Läufer, aber auch Nichtläufer in den Bann zieht. Dieser wird in seinen unterschiedlichen Phasen beleuchtet. Dabei erwähnt der Autor die Schmerzen, jenseits der 30km-Marke als essentiell, um im späteren Verlauf des Laufs in den Zustand des enormen Glücksgefühls zu gelangen. Da würde ich mir wünschen, dass das Anliegen des Buches „Anregung zur Diskussion...“ weiterführt. Mit dem selbstverständlichen Akzeptieren von Schmerzen, die ja eigentlich ein Notsignal des Körpers darstellen – so sehe ich das zumindest –, stelle ich den darauffolgenden, seelischen Glückszustand in seiner Sinnhaftigkeit einmal infrage. Es wird kulturell ein Notzustand evoziert, um sich daraus wieder zu erlösen. Wenn sich eine Gesellschaft durch das Laufen von der Stagnation oder Hypermobilität im Leben befreien möchte, sollte sie doch im Gegenzug nicht durch das Laufen das "Hyper" wieder selbst implementieren.  Mich würde interessieren, was sich psychologisch verändern würde, setzte man die Strecke auf 30 km herab, so dass es noch sehr anstrengend ist, aber sich noch keine Schmerzen zeigen. Wie wäre der physische und psychische Zustand dann, wenn diese Strecke gesellschaftlich denselben Stellenwert hätte wie ein Marathon? Diese Fragen werden wohl bleiben.

Für mich selbst und meinen therapeutischen Ansatz ist die Psychologie des Alltags entscheidend und darüber erzählt das Buch viel. Wer sich auf den Weg zu einem läuferischen Leben machen möchte, findet hier Anregungen! Genauso profitieren bereits erfahrene Läufer, die sich die psychologischen Prozesse einmal bewusst vor Augen führen wollen. Lesenswert.

Marlovits, Andreas M. (2008). Lauf-Psychologie. Dem Geheimnis des Laufens auf der Spur. Regensburg: Lauf- und Ausdauersportverlag.

ISBN 978-3-89787-167-0

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