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Entspannung erfolgreich vermitteln

Erfahrungswissen einer Entspannungstherapeutin

Das Buch „Entspannung erfolgreich vermitteln“ existiert 2014 in der sechsten Auflage. Ich denke verdient, doch hätte man den Kassettenrecorder und das Tonband im Text in der Neuauflage vielleicht gegen etwas modernere Medien austauschen können. Ulrike Sammer ist eine Wiener Psychotherapeutin mit Entspannungstherapie als Arbeitsschwerpunkt. In erster Linie möchte sie Neueinsteigerinnen den Weg in die Praxis vereinfachen und lässt die Leserin an ihrer langjährigen Berufserfahrung teilhaben. Das leicht zu lesende Buch kann aber auch routinierte Hasen zur Selbstreflexion anregen. Für diese Buchbesprechung wähle ich die weibliche Form der Anrede - mir ist gerade danach. Männer mögen sich bitte ebenso angesprochen fühlen.

In ihrer psychotherapeutischen Arbeit ist der Autorin immer wieder aufgefallen, dass Kursleiterinnen wenig von den Auswirkungen und den Begleitumständen „ihrer“ entsprechenden Entspannungsmethode wussten. Dies lief konträr zu ihrem Lebensprinzip: „Man kann (fast) alles machen, sofern man weiß, was und warum man es tut!“ So entstand dieses Buch. Die Progressive Muskelentspannung wählt Ulrike Sammer als Methode aus, um an ihr umfassende Zusammenhänge zu erläutern und gelungene Wege aufzuzeigen. Die Informationen lassen sich ebenso auf andere Entspannungsverfahren übertragen, die sie in einem Überblick auch kurz charakterisiert.

Edmund Jacobson geht davon aus, „dass psychische Spannungen immer von Muskelkontraktionen begleitet sind und dass sich umgekehrt die Entspannung der Muskeln gleichzeitig positiv auf das Körpergefühl und das Seelenleben auswirkt“ (S.31). Sammer liefert einen vollständigen Text für die Progressive Muskelentspannung als Übungsgrundlage, den sich die Kursleiterin an ihre Bedürfnisse anpassen kann. Sie betont die Notwendigkeit des Übens und der Aufnahme des gesprochenen Wortes auf ein Medium, weil sich Schwierigkeiten so offenlegen. Sie geht auf die Anwendungsmöglichkeiten ein und benennt Kontraindikationen.

Das Setting bzw. die Rahmenbedingungen beeinflussen entscheidend den Erfolg eines Entspannungskurses. So sollten sich Kursleiterinnen mit folgenden Themen beschäftigen:

  • Erwartungen der Klientinnen

  • Passendes Setting (Einzel-, Klein- oder Großgruppe)

  • Äußere Bedingungen (z.B. Raumgröße, Geräusche)

  • Richtiger Therapeutenplatz (Lichtverhältnisse, Sitzhöhe etc.) und die

  • Persönlichkeit der Therapeutin (Ruhe, Kompetenz, Respekt etc.)

Diese Punkte füllt Ulrike Sammer ausführlich mit Beispielen aus ihrer Praxis.

Im weiteren Verlauf beschreibt sie wie eine Stunde sinnvoll aufgebaut werden und sich das Geschehen im Zuge eines Kurses verändern kann. Gut ausgearbeitet sind auch die Problembereiche, von den körperlichen Erschwernissen, wie Herzklopfen, Muskelzuckungen, Hörschäden, ungewöhnlichen Empfindungen, sexuelle Erregung und ungewollter Schlaf, hin zu den psychischen Komponenten, wie falsche Erwartungen, Ungeduld, Übungshindernisse, Ängste, befürchteter Kontrollverlust usw. Welche Auswirkungen die Beziehungsstruktur in einem Entspannungskurs hat, wird ebenso angesprochen, wie die verschiedenen Persönlichkeitstypen der Klientinnen: die Skeptischen, Kritischen, Endlosrednerinnen, Trotzigen, Unsicheren, Leistungsorientierten etc.

Neue Kursleiterinnen bekommen in den knapp 170 Seiten das Gefühl vermittelt, schon alle Eventualitäten einmal erlebt zu haben und so gut vorbereitet in den ersten Kurs zu starten. Erfahrene Entspannungstherapeutinnen können sich überprüfen, ob das ein oder andere Detail in ihrem Handeln vielleicht noch einmal verändert werden könnte. Eine hilfreiche Lektüre.

Sammer, Ulrike (2014). Entspannung erfolgreich vermitteln. Progressive Muskelentspannung und andere Verfahren. Stuttgart: Klett-Cotta.

ISBN 978-3-608-89012-9

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