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Laufen psychotherapeutisch nutzen

Bewegung hilft!

 „Unser zentrales Anliegen ist es sowohl profunde, wissenschaftliche Erkenntnisse und empirische Evidenzen zu prüfen als auch und vor allen Dingen, diese Erkenntnisse unmittelbar für die Praxis aufzubereiten.“, so die Autoren in Ihrem Vorwort. Oliver Stoll ist Professor und Leiter des Arbeitsbereichs Sportpsychologie, Sportpädagogik und Sportsoziologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und stellvertretender Direktor des Instituts für Leistungsdiagnostik und Gesundheitsförderung. Heiko Ziemanz arbeitet als Akademischer Oberrat am Institut für Sportwissenschaft und Sport der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

In den mittleren Kapiteln sechs bis elf des Buches "Laufen psychotherapeutisch nutzen" (2012) setzen die Autoren ihr Vorhaben konkret um und beschreiben wie die Lauftherapie in der Behandlung von unterschiedlichen Krankheitsbildern eingesetzt werden kann. Dabei folgen Sie einer Systematik, indem sie zuerst die Indikationen darlegen, dann den aktuellen Forschungsstand mit den verschiedenen Forschungsfragen aufführen, um anschließend die Wirkmechanismen bezüglich dieses Krankheitsbildes zu beschreiben, praktische Hinweise zu liefern und abschließend Literatur zum Themenfeld zu nennen. Stoll und Ziemanz haben folgende Erkrankungen aufgenommen: Depressionen, Essstörungen, Suchterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, Krebserkrankungen, Koronare Herzerkrankung und chronischer Bluthochdruck.

Der Text ist sehr leserfreundlich geschrieben, das Layout eignet sich hervorragend um eigene Notizen an den Rand zu schreiben und die Informationen sind auf wesentliche Merkmale beschränkt. Darüber hinaus nützt die Übersicht des Forschungsstandes für eine weitere Recherche. Die Erläuterungen zur Praxis sind auf den jeweiligen Bereich zugeschnitten und bieten einen hilfreichen Rahmen für die Umsetzung. Allerdings ergeben sich auch Fragen. Die überprüfte Wirksamkeit des Laufens ist in dem stützenden Kontext von Studien entstanden und für sinnvoll werden beispielsweise bei Depressiven ein dreimal wöchentliches Training mit einer Intensität von 60-80% der maximalen Herzfrequenz angesetzt. Zudem wird empfohlen, die Entwicklungsfortschritte aufzuschreiben. Das ist ein fordendes Konzept und für viele, vielleicht sogar die meisten Betroffenen, überfordernd. Ziel ist es oft, die Menschen überhaupt erst in Bewegung zu bringen. Auch Rückschritte sind möglich. Die Dokumentation der Progression suggeriert eher eine leistungsportliche Denkweise, beide Autoren bewegen sich in diesem Feld. Man könnte den Fokus auch auf die Wahrnehmung von Befindlichkeiten lenken, ohne Bewertung. Das hätte den Vorteil, dass die Talfahrten nicht gleich mit einem persönlichen Versagen assoziiert werden, sondern als Prozess mit einfließen. Die aufdrängende Frage ist natürlich die: hilft Laufen nur in diesem überprüften Leistungsspektrum? Ich denke, dass Therapeuten, die mit psychisch belasteten Menschen arbeiten, auch gute Ergebnisse mit weniger intensivem Training erreichen. Wichtiger ist, meines Erachtens, auf die langfristige Einstellung zum Laufen als aktiven Bestandteil des Lebens hinzuwirken. Als einzige Kontraindikation wird die Laufsucht in einem eigenen Kapitel hervorgehoben.

Vorher führen die Autoren auf den ersten 50 Seiten in die Thematik der Lauftherapie ein, beschreiben das Paderborner Modell des Laufens von Alexander Weber als richtungsweisende Grundorientierung. Sie beschäftigen sich mit den Wirkungen des Laufens auf körperliche und psychische Parameter, wie man ein Laufprogramm aufbauen kann und geben einen Ausblick auf den allgemeinen Forschungsstand.

Ich würde sagen, trotz der Einwände bezüglich der Laufprogramm-Umsetzungen, dennoch eine runde Sache. Dem Therapeuten wird eine Schwerpunktsetzung bei den unterschiedlichen Krankheitsbildern vermittelt, die dann je nach Bedarf in den Leistungsanforderungen, meiner Meinung nach, angepasst werden muss. Es ist für mich ein Buch, dass eine sehr gute Ergänzung zu anderer Literatur darstellt. Sowohl für die Basiskenntnisse der jeweiligen Erkrankung als auch für das Hintergrundwissen im Sportbereich ist zusätzliche Lektüre erforderlich. Personen, die in diesem Feld tätig sind, haben die nötige Ausbildung und von daher ist dies nicht so relevant.

Laufen, richtig angewendet, hat positive Effekte auf Körper und Psyche. Laufen hilft!

Stoll, Oliver/Ziemanz, Heiko (2012). Laufen psychotherapeutisch nutzen. Grundlagen, Praxis, Grenzen. Berlin, Heidelberg: Springer Verlag.

ISBN 978-3-642-05051-0

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