Skip to main content
Laufen und Laufanalyse

Ein starkes Kompendium

Der Mediziner und Laufexperte Matthias Marquardt beschäftigt sich seit Jahren mit Bewegungsanalysen im Laufsport, denn viele Laufverletzungen und Beschwerden können auf ein auffälliges Gang- und Laufbild zurückgeführt werden. In dem vorliegenden Band „Laufen und Laufanalyse“ aus dem Jahr 2012 wendet er sich an professionell Tätige, wie Orthopäden, Sportwissenschaftler, Physio- und Sporttherapeuten und liefert einen praktischen Leitfaden für den klinischen Alltag.

Ich gehe einen Schritt weiter und glaube, dass dieses Werk mit seinen knapp 280 Seiten auch für weitere Personenkreise von großem Interesse ist, die selbst keine Bewegungsanalysen durchführen. Lauftherapeuten und Lauftrainer können beispielsweise ebenso von der sehr differenzierten Darstellung der verschiedenen Inhalte profitieren, da sie ständig mit den Eigenheiten der Laufstile ihrer Teilnehmer konfrontiert sind. Es schult den Blick, fördert die Wahrnehmungsfähigkeit, beschreibt die Problematiken verständlich und gibt praktische Hinweise für eine Veränderung. Ein gewisses Verständnis für die medizinische Fachsprache sollte jedoch vorhanden sein.

Die Kapitel sind gut gegliedert, nicht zu lang, geben einen fachspezifischen Überblick über die wesentlichen Aspekte des Themas und sind hinreichend  bebildert. Der Herausgeber wählt einen, für mich, in sich stimmigen Ablauf von Theorie und Praxis.

Biomechanische Grundlagen bilden den Anfang, was für die Vergegenwärtigung des Bewegungsablaufs hilfreich ist. Im anschließenden Kapitel widmet er sich ausführlich der Untersuchung des Läufers, da ohne genaue Diagnose therapeutische Maßnahmen nicht greifen können. Die Befunderhebung verläuft von oben nach unten, vom Kopf, über die Wirbelsäule bis hin zu den Füßen. Er beschreibt die Grundlagen der Inspektion, weist auf Pathologien hin und erklärt ausführlich verschiedene Untersuchungsmethoden, die für Fachpersonen wesentlich sind, für Lauftherapeuten und -trainer, eher vernachlässigbar.

Kapitel vier schildert die komplexe Geh- und Laufbewegung. Die Begriffe werden voneinander abgegrenzt und die Bewegungszyklen mit unterschiedlichen Phasenmodellen vorgestellt. Dabei wird die Laufbewegung sehr differenziert in ihren Teilbereichen beschrieben: Kreuzkoordination, Kopfposition, Körperposition, Armarbeit, Kniehub, Unterschenkelvorschwung, Kniebeugung, Hüftstreckung und Anfersen. Diese vielfältigen Informationen eignen sich auch hervorragend für die Laufpraxis. Marquardt reduziert daraufhin die Komplexität für die Laufband-Bewegungsanalyse in einem Vier-Punkt-Modell: Landung, Stütz, Abdruck und Schwung. Dies ist ausreichend, um eine fundierte Aussage über die Qualität einer Laufbewegung zu treffen. Zudem verdeutlicht er an mehreren Stellen, dass zu einer qualitativ hochwertigen Bewegungsanalyse Ganzkörperaufnahmen essentiell sind. Die singuläre Bewegungsaufnahme der unteren Extremitäten erlaubt keine therapeutischen Schlüsse, da wesentliche Informationen des gesamten Bewegungsablaufs fehlen, die für eine Beurteilung wichtig sind.

Das nächste Kapitel ist für die Bewegungsanalytiker wichtig, da hier die Markierung, die Winkelmessung und die Interpretation der Daten genau erläutert wird. Es werden Probleme beschrieben und Gegenmaßnahmen angemerkt. Im Anschluss folgt die „Typische Befundkonstellation“, die zwar medizinisch orientiert ist, aber auch die Aufmerksamkeit eines Lauftherapeuten bzw. -trainers auf die Besonderheiten von Laufstilen lenkt. Es lassen sich Zusammenhänge erschließen, warum Läufer, welche Beschwerden haben. In diesem Kontext ist es für mich selbstverständlich, dass ausschließlich fachlich geschulte Personen Diagnosen vornehmen. Aber um gewisse Bereiche besser zu verstehen, ist dieses Wissen sinnvoll.

Es folgen über 60 Seiten Sportwissenschaft – schön! Therapiekonzepte nach dem „natural-running“-Programm werden von einer Sportwissenschaftlerin vorgestellt. Sie gibt eine lauftechnische Beratung, bezieht die Laufschuhversorgung mit ein und erläutert eindrücklich die Problematik mit der Sprengung in den Schuhen. Orthopädische Einlagen werden ebenso thematisiert. Sportwissenschaftliche Aspekte des Krafttrainings folgen in Kombination mit Praxisbeispielen. Die Rumpfstabilisation wird gesondert erwähnt, was theoretisch bereichert, aber ansonsten durchaus unter „Krafttraining“ hätte aufgeführt werden können. Ein weiterer Punkt behandelt das Koordinationstraining, auch in Verbindung mit dem sensomotorischen Training, theoretisch fundiert, die Praxisbeispiele hätte ich mir variantenreicher gewünscht. Es wird lediglich der Stabitrainer eingesetzt, mit unterschiedlichen Positionen und Bewegungen. Das koordinative Training beinhaltet aber darüber hinaus weitere Dimensionen, die dargelegt, aber in diesem Abschnitt nicht praktisch umgesetzt werden. Dies ist jedoch zu verwinden, da sich direkt das Lauf-ABC anschließt und dies umfangreich, koordinative Übungen beinhaltet. Dehnmethoden werden beachtet und Stretching als Methode praxisbezogen dargestellt. Das Faszientraining mit der Blackroll rundet dieses Kapitel ab.

Der Abschnitt zum Untersuchungsleitfaden bietet eine hilfreiche Strukturierung eines möglichen Anamnesegesprächs, das gerade für Einsteiger nützliche Informationen enthält – mit abschließend abgedrucktem Arztbrief. Der Ablauf lässt sich, mit angemessenen Abwandlungen auf die anderen Bedürfnisse, auch auf Lauftherapeuten übertragen. Zumindest das Konstrukt, wenn es auch nicht um ein medizinisches Gespräch im eigentlichen Sinne geht.

Zwei Kapitel schließen sich an. Das ist einmal die „Einrichtung eines 2D-Analyse-Labors“ und als zweites das Marketing für die „Bewegungsanalyse“. Für Personen, die sich mit der Laufanalyse selbstständig machen wollen unverzichtbar, die anderen Leser sollten selbst entscheiden, ob sie den Bereich noch lesen oder nicht.

Mein persönliches Fazit: Gelungenes, anspruchsvolles Werk, welches nicht nur den medizinisch orientierten Fachleuten nützt. Ich freue mich, es als Exemplar in meinem Regal zu haben.

Marquardt, Matthias (Hrsg.) (2012). Laufen und Laufanalyse. Medizinische Betreuung von Läufern. Stuttgart: Thieme.

ISBN 978-3-13-153641-9

zurück