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Laufen und Walking im Alter

Es gibt schon Unterschiede

Es ist der Lauf der Dinge, dass sich die Kerzen auf dem Geburtstagskuchen wie von selbst vermehren und der Lauf des Lebens, dass sich irgendwie gesundheitliche Unterschiede zur Jugendzeit zeigen. Genauso verhält es sich meist mit der Bewegung, in der Jugend aktiver und im fortgeschrittenen Alter bequemer. Ein Schelm der meint, es könnte da eventuell einen Zusammenhang geben. Dieter Kleinmann zitiert in seinem Vorwort Goethes Hausarzt Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836): „Die Erfahrung lehrt, dass diejenigen Menschen am ältesten geworden sind, welche anhaltende und starke Bewegung, und zwar in freier Luft, hatten.“ Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, die Gesundheit hat einen bestimmten Status quo, aber jeder kann etwas bewegen und damit verändern.

In der Jugend sporteln die meisten noch unbeschwert und gedankenverloren, so sie gerne aktiv sind. Diese Unbekümmertheit verliert sich mit zunehmendem Alter. Es liegen Erkrankungen oder negative Erfahrungen vor, die verunsichern. Ängste sind ein zentrales Thema, wenn es darum geht, wieder in ein bewegteres Leben zu starten. "Meine Knie, meine Hüfte, mein Herz... verkraften die es überhaupt, wenn ich sie belaste?" Die Sorge, dass es nach der Bewegung schlimmer ist als vorher, ist weit verbreitet. Die Körperwahrnehmung hat sich verändert, Körpersignale werden nicht selten fehlgedeutet. Hier setzt der Autor mit seinem 2006 erschienenen Buch „Laufen und Walking im Alter - gesundheitliche Auswirkungen und Trainingsgrundsätze aus sportmedizinischer Sicht“ an. Dieter Kleinmann ist Sportmediziner und Internist und „läuft“ in seinem Buch mit den LeserInnen zu mehr Selbstsicherheit.

Die Alterungsprozesse sind natürlich vorgegeben, doch in welchem Ausmaß und wie schnell sie voranschreiten, darauf hat der Einzelne durch seinen Lebensstil einen Einfluss. „Für ein Fitnesstraining ist es nie zu spät. Frändin und Mitarbeiter konnten an 293 Frauen und 233 Männern, die das 76. Lebensjahr erreicht hatten, zeigen, dass für die körperliche Verfassung im Alter weniger die körperliche Bewegung in jungen Jahren als vielmehr die Aktivität nach dem 35. Lebensjahr bei Männern und nach dem 50. Lebensjahr bei Frauen entscheidend ist.“ (S.31, „kleine Motivation“)

Zu Beginn schildert der Autor im allgemeinen Teil wie sich die altersbedingten Gegebenheiten auf das Herzkreislaufsystem, die Lungenfunktion, den Stoffwechsel, das Skelett und die Muskulatur auswirken und ergänzt dies um Risikofaktoren für das Herzkreislaufsystem. Zusammenhänge werden deutlich. Im darauf folgenden Kapitel wird natürlich eine ärztliche Untersuchung empfohlen, bevor sich Kleinmann im dritten Abschnitt über 60 Seiten dem Training widmet. Inhaltlich handelt er die Themen Ausrüstung, Technik, Leistungstests, Training für Gesundheitsläufer sowie für Ambitionierte, Laufen unter Hitze- oder Höhenbedingungen ab und die Sportlerernährung wird ebenfalls aufgegriffen. Es gibt zahlreiche Literatur über die genannten sportwissenschaftlichen Themenbereiche, doch hier werden die Besonderheiten der speziellen Altersgruppe hervorgehoben. Für Personen, die gesundheitliche Beschwerden haben, ist das abschließende Kapitel sehr hilfreich und trägt dazu bei, ein gutes Gefühl für sich und das Laufen oder Walking als integrativen Bestandteil des Lebens zu entwickeln. Was ist zu beachten bei Bluthochdruck, der Koronaren Herzerkrankung, Durchblutungsstörungen der Beine, Venenleiden, Diabetes mellitus Typ II, Atemwegserkrankungen und Arthrose, eingeschlossen künstliche Gelenke.

Über die sportmedizinische Sicht hinaus erwähnt Dieter Kleinmann verteilt über das gesamte Buch, wie wichtig darüber hinaus psychosoziale Faktoren im Alter sind. So ist die soziale Isolation ein nicht zu unterschätzendes Phänomen unserer Zeit und Laufgruppen oder aber auch die Teilnahme an Wettbewerben können ein entscheidender Schritt aus der Einsamkeit sein. Das Alleinsein zieht nicht selten depressive Phasen nach sich, die sich über die Effekte das Laufens ebenfalls bessern können. Eine sportliche Aktivität bis ins hohe Alter bringt einige Vorteile.

Die Sprache ist manchmal etwas sperrig, manche Sätze musste ich mehrmals lesen und das Layout entspricht nicht mehr den gewohnten neuen Standards, aber es ist bisher das einzige Werk, was mir „über den Weg gelaufen“ ist, welches die spannende Herausforderung „Laufen im Alter“ so achtsam aufarbeitet. Empfehlenswert für alle älteren Menschen – wobei ich gar nicht genau sagen möchte, wann man dazu gehört. Sie erhalten wertvolle Informationen, sollten aber auch ein intensiveres Interesse haben, denn das Buch gehört schon zu den Fachbüchern. LauftherapeutInnen und TrainerInnen profitieren selbstverständlich auch.

Kleinmann, Dieter (2006). Laufen und Walking im Alter. Gesundheitliche Auswirkungen und Trainingsgrundsätze aus sportmedizinischer Sicht. Wien: Springer-Verlag.

ISBN  978-3-211-33613-7

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