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Laufen!

Alles drin!

Zwei erfolgreiche, aktive Langstreckenläufer schreiben ein Buch zum Thema Laufen mit dem Untertitel „...durchstarten und dabeibleiben – vom Einsteiger bis zum Ultraläufer“. Meine erste Assoziation: großes Feld – große Herausforderung. Dr.Dr. Lutz Aderhold ist niedergelassener Arzt für Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie und Zahnarzt für Oralchirurgie, erlief sich zahlreiche nationale und internationale Titel und ist inhaltlich an allen Kapiteln beteiligt. Dr. Stefan Weigelt ist Trainingswissenschaftler und Leistungsdiagnostiker am Olympiastützpunkt Westfalen in Dortmund und auch er holte sich zahlreiche nationale Titel im Langstreckenlauf. Seine Ausführungen beziehen sich auf die Kapitel Motivation, Lauftraining und Wettkampf.

Was verbindet Einsteiger und Ultraläufer außer dem Laufen? Welche Gedanken leiten die beiden Autoren? In aller erster Linie informieren Aderhold und Weigelt ausführlich in 12 Abschnitten auf knapp 400 Seiten über das große Spektrum des Laufens in sämtlichen Bereichen, die damit zusammenhängen: Motivation, sportmedizinische Untersuchung, Physiologie, Ausrüstung, Lauftraining, Regeneration, Wettkampf, Sportpsychologie, Läuferverletzungen, Prävention, Ernährung und Doping. Die Inhalte sind fachlich fundiert, lesen sich flüssig und es liegen ausgearbeitete Trainingspläne vor. Die Erklärungen zu den Abbildungen könnten an mancher Stelle etwas ausführlicher sein, die Tabellen sind übersichtlich und hilfreich mit Verweisen im Text, allerdings ohne Seitenzahlen, was zumindest an einer Stelle suchendes Blättern erfordert. Fotos werden einmal als Aufmacher des Kapitels verwendet, aber auch im Text, dort aber nicht durchgehend mit Bildunterschriften, so dass sie dadurch meines Erachtens eher als Lückenfüller fungieren.

Die zwei Fragen, die ich im vorigen Absatz zu Beginn formuliert habe, ergeben sich aus meiner eigenen Sichtweise und der Beschäftigung mit dem Buch. Zwei leistungssportlich orientierte Langläufer, die heute (Stand 2012) beide Ultramarathons laufen, nehmen auch Einsteiger oder Gesundheitsläufer als Zielgruppe in ihre Ausführungen auf. Meines Erachtens ist dafür ein gemeinsamer Leitgedanke Voraussetzung. So wie ich die beiden Autoren interpretiere, ist dies der scheinbar innewohnende Wunsch oder die Haltung eines jeden Läufers, seine Leistungsfähigkeit permanent zu verbessern. Macht es für alle Menschen Sinn, ständig diesem Ziel hinterherzulaufen oder ist es nicht vielleicht sogar kontraproduktiv, wenn es heutzutage darum geht, Stress abzubauen (auf Seite 227 und den folgenden wird hierzu die Lauftherapie und die positiven Effekte auf die Psyche erwähnt). Zunächst müssen Personen natürlich erst in die Lage versetzt werden, langzulaufen, also diese Leistungsfähigkeit zu erreichen. Kann das nicht genügen? Weshalb sollten Gesundheitsläufer nicht einfach nur allein oder mit Freunden ihre Runde um den See drehen? Wahrscheinlich liegt der Gedanke zugrunde, dass Menschen zielorientiert veranlagt sind und ohne Struktur und Orientierung eher nicht aktiv werden oder dabeibleiben. Mich würden Längsschnittstudien zu der Fragestellung interessieren.

Den Autoren ist die Unterschiedlichkeit durchaus bewusst, so merken sie dies an verschiedenen Stellen an und setzen sich kritisch mit Gegebenheiten auseinander. Familie, Beruf und Sport sind für die Verfasser harmonisch in Einklang zu bringen. Doch wenn ich eine Jahresplanung mit Training und Wettkampfperioden durchorganisiere, erweckt es zumindest den Eindruck, dass das Laufen einen sehr hohen Stellenwert im Leben einnimmt. Einsteiger, Gesundheits- und Hobbyläufer können die Prioritäten vielleicht doch anders setzen. Regeneration ist beispielsweise gerade auch für Ältere ein Thema, so empfehlen Aderhold und Weigelt, diese nicht zu vernachlässigen und Pausen einzulegen, im gleichen Atemzug erwähnen sie aber auch, dass es die Möglichkeit der aktiven Erholung mit Aquajogging oder Radfahren gibt, um die erreichte Leistungsfähigkeit nicht zu verlieren und andere Muskelgruppen zu stärken. Nutzen Sportler die Empfehlungen, ist der zeitliche, wöchentliche Aufwand für den Sport sehr groß.

Ungeachtet meiner Sicht auf die leistungssportliche Einstellung für oben benannte Zielgruppen, ist dieses Werk für alle Laufinteressierten eine Bereicherung. Aderhold und Weigelt sind auf dem wissenschaftlichen Stand der Zeit, nennen jeweils auch kritische Stimmen und sehen die Probleme des Leistungssports, geben anschauliche Praxistipps, weisen auf Schwierigkeiten hin und behandeln alle Themen, die einem so einfallen. In den Kapiteln Nahrungsergänzungsmittel und Doping, die beide sehr gut beschrieben sind, werden allerdings auch Produkte mit Markennamen genannt, welches man vielleicht hätte vermeiden können. Alle Trainingspläne finden sich bei Schattauer kostenlos zum Download.

Aderhold, Lutz/Weigelt, Stefan (2012). Laufen! ...durchstarten und dabeibleiben - vom Einsteiger bis zum Ultraläufer, Stuttgart: Schattauer.

ISBN 978-3-7945-2840-0

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