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Lauftraining im persönlichen Konzept

Jenseits sturer Belastungsvorgaben

Die Sportwissenschaft ist eine junge Disziplin, die um Anerkennung im forscherischen Kontext bestrebt ist. Zahlen helfen zu systematisieren, zu standardisieren, zu vergleichen und wissenschaftlich wahrgenommen zu werden. So entwickelte sich eine quantitative Trainingslehre. Doch agieren im Sport Menschen mit all ihren Persönlichkeitseigenschaften, Schwächen und Stärken, Vorlieben und Abneigungen. Harald Lange, Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg, erweitert in seinem Buch „Lauftraining im persönlichen Konzept“ (2012) die Perspektive um die persönlichen Facetten im Training.

Warum will er das? „Das Laufen zählt zum festen Bestandteil individueller Lebensstilkonzepte (…). Deshalb ist es wichtig, dass Läufer auch nach eigenen Normen trainieren und sich nicht dem Diktum formaler Trainingslogiken und anderer Werbestrategien blindlings unterwerfen“ (S.13). Gerade in der Läuferszene sind standardisierte Trainingspläne, die überall herunterzuladen sind, gelebte, etablierte und beliebte Wirklichkeit. Hier entwickelt sich nun ein Positionswechsel, denn die zugrundeliegenden Motive für das Laufen sind im Laufe der Zeit vielfältiger geworden. Die rund 140 Seiten lesen sich zügig und hinterfragen die gängige Praxis. Da läuft der Autor bei mir durch offene Türen.

Er gliedert den Inhalt in einen psychologischen Ansatz, der den Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Trainingslehre darstellt, schafft philosophische Grundlagen, die konzeptionelle Orientierungen trainingspädagogisch interpretieren und bildet pädagogische Perspektiven ab, die didaktische Anhaltspunkte und somit methodische Entscheidungen erläutern.

Der erste Teil wird unter dem Aspekt Laufen und die psychologische Selbsterkenntnis betrachtet. Der Mensch ist zur Reflexion fähig und diese ist wiederum für ein zufriedenes Leben notwendig. Laufen bietet das Potenzial. Wer läuft setzt sich mit sich auseinander. Über das Erleben finden Läufer zu mehr Lebensqualität, nehmen sie differenzierter wahr. Es entstehen oft ganze Lebensphilosophien, in denen die Läufe in ihrem Sinngehalt nicht gleich interpretiert werden.

Der zweite große Abschnitt verbindet die traditionelle quantitative Trainingslehre mit einer neuen qualitativen Dimension, in dem der Mensch als Subjekt Teil der Gedanken ist. Es entstehen neue individuelle Trainingsphilosophien. Die Problematik bei diesem Ansatz ist die, dass sie die mögliche Gefahr einer Beliebigkeit birgt. An mehreren Stellen weist der Autor darauf hin, dass dies nicht so sei. Sonst wäre die Sportwissenschaft in Gefahr nicht Ernst genommen zu werden.

In einem dritten Part kommen sportpädagogische Zusammenhänge in die Diskussion, die nur allzu gern übersehen werden. Die Konsequenzen eines offenen Trainingsverständnisses werden didaktisch einsortiert. Anhand zwei diametraler Fallbeispiele werden die für die Praxis relevanten Probleme unterschiedlicher Persönlichkeitstypen deutlich. Da wäre zum einen der sicherheitsorientierte Läufer, der sich ohne Pulsgurt nicht auf die Straße traut, die Vorgaben genau einhält und Spaß an den Messdaten hat und im Gegenzug der verspielte Typ, der aus der Situation und seinem Bedürfnis heraus handelt, der Regeln meidet. Durch die Offenheit im Trainingskonzept gibt es somit ein Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Freiheit, dass es innerhalb einer Gruppe auszuloten gilt. Je mehr das Training persönlichen Konzepten angepasst wird, desto mehr Unsicherheiten im Ausgang müssen Trainer und Athleten aushalten können. Es ist für mich die Basis für sinnvolles Arbeiten, denn nicht die Zielvorgaben sollten das Handeln federführend leiten, sondern der Mensch, der dahintersteht. Nimmt man den Menschen wahr, werden Ziele auch erreicht.

Harald Lange wagt sich vor, weil er wohl spürt, dass sich in der Gesellschaft (und, ich glaube, auch in ihm selbst) etwas bewegt, was Veränderungen im Training nach sich ziehen wird. Doch gleichzeitig wirkt er noch ein bisschen vorsichtig, zu oft hat er in seinem Buch betont, dass es nicht in eine Beliebigkeit abdriften darf. Ich glaube, dass sich die Sportwissenschaft ganz allgemein in eine offene, persönlichkeitsorientierte Richtung entwickeln wird oder sollte.

Ich mag Texte, die eine andere Sicht erlauben. Nur durch Anderssein entwickeln wir uns weiter.

Lange, Harald (2012). Lauftraining im persönlichen Konzept. Tübingen: dgvt-Verlag.

ISBN 978-3-87159-863-0

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