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Lauftherapie bei depressiven Störungen

Kleine Studien aus der Praxis heraus

Im Klinikumfeld ist die Lauftherapie bei depressiven Störungen gut untersucht und die positiven Effekte des Laufens evident. Aus dem Alltag von niedergelassenen Praxen heraus ist die Studienlage dagegen, aufgrund der anderen Bedingungen, eher dürftig. Der Herausgeber Ulrich Bartmann und seine Autoren wagen sich im Band zwei der „Fortschritte in der Lauftherapie“ (2009) dennoch in das Feld und erheben kleine, aber nicht weniger wichtige Studien unter dem Schwerpunkthema „Lauftherapie bei depressiven Störungen“. Die Problematiken, die sich in diesem Rahmen ergeben, sind zum einen die kleinen Probandenzahlen und zum anderen die meist fehlenden Kontrollgruppen, um wirklich wissenschaftlich fundierte Aussagen treffen zu können. Dies ist den Autoren bewusst. Die durchweg positiven Ergebnisse können somit nur Tendenzen sein oder aber klinische Studien bestätigen. Auf jeden Fall zeigen sie, dass die Lauftherapie die Aufmerksamkeit im ambulanten Bereich erhalten sollte, ohne kritische Stimmen bezüglich des Laufens mit Depressiven zu verdrängen.

Lauf-, Sport- und Bewegungstherapeuten, aber auch Psychotherapeuten und Psychiatern wird in diesem Periodikum auf 120 Seiten praxisnahe Forschung gut lesbar präsentiert. In neun Hauptbeiträgen erfahren die Leser nicht nur die Ergebnisse der Forschung, sondern indirekt auch mit welchen Schwierigkeiten Praktiker konfrontiert werden. Bei allen Studien gab es beispielsweise das Dropout-Phänomen in nicht unerheblichem Umfang in Relation zur Teilnehmerzahl. Damit ist in der Praxis auch zu rechnen. Zudem müssen meist einige motivationale Hindernisse überwunden werden, um Personen mit depressiven Störungen für Laufgruppen zu gewinnen. Im Anschluss an eine Lauftherapie weist Jürgen von Ulardt aus seiner Erfahrung darauf hin, dass es den Patienten sehr schwerfällt, weiterhin eigenständig aktiv zu bleiben, oft sind soziale Ängste und soziale Kompetenz-Probleme hierfür ausschlaggebend.

Ulrich Bartmann, Psychologischer Psychotherapeut, Supervisor für Verhaltenstherapie, seit 2013 emeritierter Professor und Lauftherapeut, beginnt den Band mit einer ausführlichen Literaturrecherche über Studien, die sich mit dem Thema „Laufen und Depression“ beschäftigen. Der interessierte Leser erhält damit eine strukturierte Übersicht mit Stichproben, Fragebogenauswahl, Untersuchungsvariablen und Ergebnissen für einen schnellen Zugang zu relevanter Literatur. Die sich anschließenden Originalbeiträge aus der Praxis behandeln jeweils unterschiedliche Teilaspekte, so dass der Leser in der Gesamtschau einen guten Überblick über die Forschungslage bekommt. Es werden neben Depressionen auch Angststörungen, die Rehabilitation schizophren Erkrankter oder aber die psychotherapeutische Therapieeffizienz in Zusammenhang mit der Lauftherapie thematisiert. Darüber hinaus wendet sich eine Studie dem Ausbildungsinhalt „Körperbezogene Interventionen“ bei Sozialpädagogen zu und eine weitere der Einstellung zu Körpertherapien von Berufspraktikern der Sozialen Arbeit. Ein Abstecher zum Laufen mit lernbehinderten Kindern rundet die Hauptbeiträge ab. Alle Untersuchungen wurden mit dem Laufmodell von Ulrich Bartmann durchgeführt. Nicht unerwähnt sollten die Kurzberichte bleiben. Kurz und bündig berichten Praktiker über Power-Walking für Seniorinnen, Laufen mit Burn-out gefährdeten Lehrern, Laufen mit autistischen Männern und mit psychisch beeinträchtigten Personen.

Die positiven Effekte des Laufens auf Körper und Psyche können nicht genügend erwähnt werden. Um so wichtiger halte ich es für die Zukunft, die interdisziplinäre Zusammenarbeit im ambulanten Bereich stärker zu fördern. Niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten und freie Sport-, Bewegungs- und Lauftherapeuten sollten selbstverständlicher zueinander finden, um den Menschen ganzheitlich anzusprechen. Dieser Band ist ein Plädoyer für die Lauftherapie als ambulante Interventionsmaßnahme.

Bartmann, Ulrich (Hrsg.) (2009). Fortschritte der Lauftherapie Band 2. Schwerpunktthema: Lauftherapie bei depressiven Störungen. Tübingen: dgvt-Verlag.

ISBN 978-3-87159-861-6

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