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Selbstwahrnehmung und Embodiment in der Körperpsychotherapie

Körperpsychotherapie nach Marion Rosen

Das Leben sorgt immer wieder für Überraschungen. Der Schattauer Verlag publiziert 2013 mit dem Buch „Selbstwahrnehmung und Embodiment in der Körperpsychotherapie“ von Alan Fogel, Professor für Psychologie an der University Utah in Salt Lake City, in der Übersetzung von Helmi Boese, ein Werk, welches sich mit der Wiederentdeckung des Körpergefühls beschäftigt. Mich hat besonders der Untertitel „Vom Körpergefühl zur Kognition“ angesprochen. Aufgrund des Buchrückens erwartete ich einen sehr allgemeinen Inhalt, lediglich in der Autoreninformation hätte ich wahrnehmen können, dass Alan Fogel Rosen-Methode-Körpertherapeut ist. Das hatte ich geflissentlich übersehen, was manchmal vielleicht gar nicht verkehrt ist.

Schon im ersten Abschnitt des Vorwortes der Übersetzerin wird mir dann klar, worauf ich mich wohl in den nächsten Tagen einlassen würde: auf die Marion-Rosen-Methode. Helmi Boese versteht es, mich als Lauftherapeutin und begeisterte Fachjournalistin sofort mit ihren Worten ins Buch hineinzuziehen: „Reisen bringt neue Erfahrungen (Körpergefühle) und formt kostbare Erinnerungen (Kognitionen) – mit anderen Worten: Reisen bildet. Dieses Buch beruht auf den Erfahrungen der Rosen-Methode-Körpertherapie und die Übersetzung ist gewissermaßen ein Souvenir: ein Mitbringsel für Wissensdurstige.“ Die Parallelen scheinen offensichtlich – Reisen funktioniert ohne die menschliche Lokomotion und der Journalismus ohne die kostbaren Erinnerungen nicht, darüber hinaus liebt die Pädagogin in mir die Bildung. Auf ins Abenteuer!

Wahrnehmung ist Medizin und bietet die Ressourcen für Selbstwirksamkeit und Selbstheilungsprozesse, die gerade in unserer Gesellschaft einer Wiederbetrachtung bedürfen. Der Autor gliedert seinen Inhalt in acht Kapitel, die von ausdrucksstarken Headlines umsäumt sind. Kapitel eins trägt beispielsweise den Namen „Eine verlorene Kunst: die Wiederentdeckung des Körpergefühls“, Kapitel fünf „Zuflucht vor dem Sturm: Auswirkungen von Sicherheit und Bedrohung auf die verkörperte Selbstwahrnehmung“ und Kapitel sechs „Wie im wirklichen Leben: Bewegen und Berühren“.

Im ersten Kapitel führt er in das Thema des „Selbstverlusts“ ein. „Wir verlieren den Zugang zu unseren Emotionen im Alltag durch extremen Stress und Traumata. Das hat Einfluss darauf, wie unser Körper sich bewegt, fühlt und ausdrückt.“ (S.1) Er definiert und grenzt die wesentlichen Begriffe „Verkörperte Selbstwahrnehmung“ und „Begriffliche Selbstwahrnehmung“ voneinander ab. Die verkörperte Selbstwahrnehmung beruht auf der Interozeption und dem Körperschema, das bedeutet dem Fühlen der Atmung, der Verdauung, der Erregung, der Schmerzen, der Emotionen, der Müdigkeit, des Hungers und anderem und darüber hinaus der Wahrnehmung von Bewegung und Koordination zwischen verschiedenen Körperteilen und dem Körper und der Umwelt. (S.9) Die begriffliche Selbstwahrnehmung fasst das Denken über das Selbst, sein Verstehen und Beschreiben zusammen. Beide sind eng miteinander verbunden. Die Marion-Rosen-Methode setzt an der verkörperten Selbstwahrnehmung an.

Das zweite Kapitel geht ausführlich auf die neurophysiologischen Vorgänge ein, die für die Entstehung der verkörperten Selbstwahrnehmung wichtig sind. Kapitel drei bleibt auch auf der Ebene der neuronalen Netzwerke und legt die Voraussetzungen für das Verständnis der Verbindung von verkörperter und begrifflicher Selbstwahrnehmung. Für Fachfremde sind diese beiden Themenkomplexe in ihrer Differenziertheit wohl die anspruchsvollsten, aber erweitern den Blickwinkel doch um einiges.

Die Entfremdung vom Selbst vollzieht sich für Fogel, wenn die begriffliche Selbstwahrnehmung ein Selbst konstruiert und dies gelebt wird, welches mit der verkörperten Selbstwahrnehmung nicht mehr kongruent ist. Kapitel vier zeigt die Mechanismen der Verdrängung und Absorption, die in ihrer Konsequenz in pathologischen Fällen enden können. Welche Bedingungen für ein gesundes oder krankhaftes Verhältnis zu sich und dem eigenen Körper verantwortlich sind, ist der zentrale Aspekt des fünften Kapitels. Bedrohung und Sicherheit sind dabei federführende Situationen des Lebens mit all ihren Auswirkungen für den Menschen.

Das sechste Kapitel führt mich in vertrautere Gefilde, es steht unter dem Aspekt der Bewegung und des Berührens. „Bewegen bedeutet immer, etwas zu berühren, zumindest die Erde und die Luft. Bewegen und berühren schließt Emotionen ein: die Lust, sich nach etwas auszustrecken oder von etwas zurückzuziehen.“ (S.171) Der Autor beschreibt die Prozesse der Muskelaktivität, die sich in unterschiedlichen Situationen individuell auswirken. Dauern Bedrohungssituationen beispielsweise länger an, entstehen Muskelverspannungen, die Einfluss auf die Lebensqualität haben. Kapitel sieben widmet sich dem Thema Atmung und Stimme in der Bedeutung für den subjektiven Augenblick und das achte Kapitel schließt mit möglichen Wegen zu einer erholsamen verkörperten Selbstwahrnehmung und damit wieder zu einer offenen Begegnung mit sich selbst.

In den einzelnen Kapiteln führt Alan Fogel ausführliche Fallbeispiele auf, die den jeweiligen Inhalt illustrieren und zeigen, wie die Rosen-Methode den Menschen einfühlsam genau an den Stellen und in dem Moment berührt, der für den Klienten ein besonderer zu werden vermag. Sanfte Berührungen des Therapeuten korregulieren die Selbstwahrnehmung.

Die Reise in die Welt eines Alan Fogel und der Rosen-Methode haben meinen eigenen Lebens- und Therapieansatz in eingien Punkten bereichert, aber auch in vielem bestärkt. Es bedarf einer angenehmen, warmherzigen Atmosphäre und eines empathischen Therapeuten oder einer Therapeutin, damit der Klient oder die Klientin psychophysiologische Zusammenhänge für sich wahrnehmen und somit verändern kann. Die Rosen-Methode geht dabei genau wie die Lauftherapie vom Körper aus und wirkt über das Körpererleben auf die kognitiven und psychischen Komponenten des Menschen.

Für Körperpsychotherapeuten, die nach der Marion-Rosen-Methode arbeiten, ist dieses differenziert verfasste Buch auf jeden Fall wichtig, aber auch zu empfehlen für Ärzte, Psychotherapeuten und Studenten dieser Fachrichtungen.

Fogel, Alan (2013). Selbstwahrnehmung und Embodiment in der Körperpsychotherapie. Vom Körpergefühl zur Kognition. Stuttgart: Schattauer.

ISBN 978-3-7945-2965-0

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