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Sport- und Bewegungstherapie bei seelischen Erkrankungen

Gute Argumentationshilfe für Projekte

In der Sportwissenschaft ist es häufig so, dass die Theorie der Praxis hinterherhinkt. Ähnlich verhält es sich auch mit der Sport- und Bewegungstherapie. Medizinern, Psychologen und Sportwissenschaftlern sind die positiven Effekte der körperlichen Aktivität auf die Psyche schon lange bewusst, doch die wissenschaftliche Studienlage ist zuweilen dünn, mit einer zu kleinen Probandenzahl oder zu unterschiedlich angelegt, dass sich wenig konkrete Vergleiche darstellen lassen. Um diesen Forschungsbereich weiter auszubauen, hat die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) im Jahr 2010 ein neues Referat „Sportpsychiatrie- und psychotherapie“ gegründet. Der vorliegende Band „Sport- und Bewegungstherapie bei seelischen Erkrankungen“ (2015) entstammt überwiegend diesem Arbeitskreis und fasst die aktuellen Forschungsergebnisse zusammen. Die Autoren haben meist medizinischen oder psychologischen Background.

Im ersten Kapitel wird die Sport- und Bewegungstherapie begrifflich gefasst und baut nach heutigem Verständnis auf einen aktiven Patienten. Es geht um die Frage „wie der Patient mit seinen körperlichen Fähigkeiten selbst und auch aktiv dazu beitragen kann, die seelische Gesundheit zu verbessern.“ (S.4) Erkenntnistheoretische Grundlagen werden im Anschluss besprochen und hier die früher vorherrschende naturwissenschaftliche Sichtweise mit ihren objektiven Beschreibungen um psychische und psychophysische Aspekte ergänzt, um der Gesamtthematik gerecht zu werden. Denn eine Forschung orientiert sich immer an philosophischen Grundhaltungen. „Ohne die dringend notwendige und anhaltende Reflexion über die anthropologischen und wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychiatrie und ohne die Wiederherstellung der körperlich-seelischen Ganzheit und Einheit werden wir weiterhin in einer Gesellschaft leben, in der ein seelen- und herzloser Materialismus durch einen seelenvollen, aber nichtigen und unnatürlichen Idealismus und Spiritualismus kompensiert wird.“ (S.16) Wesentliche neurobiologische und neuroendokrinologische Erkenntnisse der Forschung werden zusammengetragen, sportwissenschaftliche Themen der Trainingslehre und sportmedizinische Fakten runden die Grundlagenthemen ab. Es fehlen sportpsychologische Aspekte, so dass gerade der Sportteil eher naturwissenschaftlich dokumentiert wird. Der Leser erhält aber einen guten, verständlichen Einblick in die Fachdiskussion.

Ab Kapitel sechs folgen die Forschungsstände der Sport- und Bewegungstherapie für einzelne psychische Erkrankungen: depressive Erkrankungen, Angsterkrankungen, Zwangsstörung, Essstörung, Suchterkrankung, schizophrene Psychosen, kognitive Störungen, seelische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Die Studienlage wird für jede einzelne Erkrankung differenziert dargestellt, es folgt ein ausführliches Fallbeispiel und eine Praxisempfehlung oder Bewertung der Sachlage. Trotz der oft geringen vergleichbaren Datenlage gehen die Forscher im Großen und Ganzen von positiven Effekten der sportlichen Aktivität für den Patienten aus (betrifft überwiegend Ausdauer- und Krafttraining). Es gibt jedoch auch kritische Befunde, so dass sich jeder Sport- und Bewegungstherapeut die Studienlage zu den Krankheitsbildern anschauen sollte.

Es existieren viele Querschnittstudien, die die Wirkung des Sports auf den seelisch kranken Menschen untersuchen. Interessant sind in diesem Bereich zudem Längsschnittstudien. Die Bewegung und der Sport sollten nicht als „Medikament“ betrachtet werden, welches der Patient über eine gewisse Zeit einnimmt und dann geheilt ist, sondern er sollte sein Leben um diesen Faktor bereichern. Zu untersuchen wird sein, wie es gelingen kann, diese Compliance bei den Patienten zu erreichen.

Dieses Buch ist leserfreundlich geschrieben und gibt den aktuellen Forschungsstand im Klinikalltag sehr übersichtlich wieder. Es ist meines Erachtens ebenso hilfreich, wenn darüber hinaus Prozesse angeregt werden sollen, beispielsweise niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten dabei zu ermutigen, diesen interdisziplinären Ansatz auch mit freien Bewegungstherapeuten oder Lauftherapeuten zu etablieren.

Markser Valentin Z., Bär Karl-Jürgen (2015). Sport- und Bewegungstherapie bei seelischen Erkrankungen. Stuttgart: Schattauer.

ISBN 978-3-7945-2993-3

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