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Tempodiaet

Zeitenwende

Der Titel ist klasse! Jeder Übergewichtige wünscht sich nichts sehnlicher als im Turbotempo die Pfunde purzeln zu lassen. Was könnte da sinnvoller sein als eine „Tempodiät“. Das passt! Aber es ist doch ein bisschen anders gedacht. Die Dr. Rainer Wild-Stiftung, die das Buch herausgegeben hat, möchte  „...einen Beitrag zu einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der Ernährungsforschung, der Ernährungsbildung und einer lebendigen Esskultur leisten. Wichtig ist uns eine fachübergreifende, an Freiheit und Individualität orientierte Herangehensweise. Im Mittelpunkt steht dabei der gesunde Mensch mit seinem Bedarf und seinen Bedürfnissen rund um Essen und Trinken“. Seien Sie gespannt, wie Sie das Buch inspirieren kann.

Analytiker werden die Thematik schon entzaubert haben. Schaut man sich die Begriffszusammensetzung an – tempo kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Zeit“, aber auch „Schnelligkeit“ und „Diät“ aus dem Griechischen und bezeichnet eine Lebensweise oder Lebensführung, die im heutigen Zusammenhang mit der Ernährung symbiotisch verbunden ist – erscheint dem Leser der Inhalt deutlich vor Augen. Unter dem Schnelligkeitsdiktat unserer Effektivitätsgesellschaft erscheint die „Tempodiät“ als Zeichen der rastlosen Ernährungsweise. Alles geht „zack-zack“. So verstanden, beschreibt der Titel den gelebten Istzustand. Interpretiert man den Begriff „Zeit“ aber allgemein, so könnte man den Titel auch unter dem Aspekt betrachten, dass die Zeit neu bedacht und sozusagen einer anderen Lebensphilosophie zugeführt werden müsste. So gesehen, beschreibt dieser Begriff für mich eine wünschenswerte Trendwende. Kurz gesagt, dreht sich alles um Zeit- und Esskultur.

Wie beeinflussen sich „Tempo“ und „Diät“ gegenseitig? Welche gelebten Grundhaltungen zur Zeit wirken sich wie auf Ernährungsweisen von Menschen aus? Dazu gibt der Band „Tempodiät – Essen in der Nonstop-Gesellschaft“ (2014) anregende Denkanstöße.

„Essen findet immer in einem zeitlichen Rahmen statt: Nicht nur der Zeitpunkt ist mit Hilfe der Uhrzeit bestimmbar, sondern auch die Dauer des Essens und die Lage im Tagesverlauf (morgens, mittags, abends, nachts)“ (S.2). Essen ist somit ohne den Zeitfaktor nicht denkbar, wie das gesamte Wirtschafts- und Sozialleben auch nicht. Doch durch die Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche entwickelt sich die Zeit zum Stressor Nummer eins. Ziel ist es Zeit zu sparen, wo es nur geht. Ein Kapitel umschreibt dies für das Essen vorzüglich „Die ultimative Tempodiät – (Gesund) essen in der halben Zeit.“ Na denn mal schnell!

Zeitdruck erzeugt Essstress, mit dem sich ein weiterer Beitrag beschäftigt. Der eigene Rhythmus wird den Umständen angepasst und nicht umgekehrt. Unter Stress ernähren wir uns anders. „Gestresste Menschen essen mehr Wurst, Hamburger, Pizza und Schokolade und sie haben einen höheren BMI als jene, die nicht von Stress beeinflusst sind (Laitinen et al. 2002)“ (S.71). Dem Stress begegnet man gleich wieder mit essen, denn Essen kann auch ein Wohlgefühl auslösen. Personen, die sich auf die Art dem Gefühlsessen hingeben, erleben dadurch Schritt für Schritt eine Entfremdung von ihren natürlichen Wahrnehmungsmechanismen Hunger und Sättigung. Ein Teufelskreis entsteht. Diese Themen finden sich ebenfalls in dem Band.

Die ökonomische Herangehensweise wirkt sich massiv auf das Denken und Leben aus, auch im Ernährungsverhalten. Denn hier sehen viele die Lösungsmöglichkeit des Problems. Zeitsparen beim Einkaufen, Zubereiten und die Mahlzeiten mal eben zwischendurch. Worauf die Autoren dieses Buches hinlenken, ist eine differenzierte Sicht auf das Phänomen „Zeit“, die ich hier mit einigen Begriffen verdeutlichen möchte: Zeitwohlstand, Zeitbalance, Eigenzeit, Zeitsouveränität oder Zeitkompetenz (S. 110). Beim Lesen löst sich schon die Anspannung. Wie viel wertvoller wäre die Verinnerlichung und das Leben derselben. Wir brauchen andere innere Bilder von der Zeit. Gesundes Ernährungsverhalten anders gedacht. Eine kurzweilige Lektüre über 120 Seiten. Interessant.

Dr. Rainer Wild-Stiftung (Hg.) (2014). Tempodiät - Essen in der Nonstop-Gesellschaft. Heidelberg: Dr. Rainer Wild-Stiftung.

ISBN 978-3-942594-69-1

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