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Psychotherapie im Naturraum

Mensch und Natur verbinden

Im Wald zu laufen, bedeutet für mich meistens etwas Intensives. Er wirkt auf mich; wie genau, versuche ich noch zu ergründen. Auch wenn man den stadtnahen Wald nicht mehr als reinen Naturraum bezeichnen kann, so kommt er von den Kulturräumen, einem naturbelassenen Raum am nächsten, deshalb habe ich ihn als Beispiel gewählt. Überdies setze ich als Lauftherapeutin die Räume im Freien für das psychische und physische Wohlbefinden meiner KlientInnen ein. Von daher interessieren mich die Ausführungen von Siegfried Molan-Grinner in seinem 68 Seiten langen Schriftstück „Systemische Psychotherapie im Naturraum“, das 2015 im Ziel-Verlag erschienen ist.

In Molan-Grinners Lebenslauf vereinen sich unterschiedliche Disziplinen. So studierte er Kommunikationswissenschaft und Publizistik, promovierte in Erziehungswissenschaft und bildete sich in verschiedenen Coaching-Bereichen weiter, dazu kam die Systemische Familientherapie sowie ein Masterstudium Soziale Arbeit. Er ist unter anderem als Psychotherapeut in eigener Praxis in Enns (Österreich) tätig und ermöglicht seinen KlientInnen Erfahrungen im Naturraum. „Stellen Sie sich vor, Psychotherapie findet unter freiem Himmel statt, im Wald, am Berg, in Flusslandschaften, bei Regen oder Hitze, in Auenlandschaften mit süßem Wasser, im Winter in Eis und Schnee, im Grenzgebiet zu einem anderen Land oder in der Weite eines ursprünglichen Waldgebietes.“ (S.8) Bei einer Therapie im naturnahen Raum sind immer auch konkrete Handlungen inbegriffen: Gehen, Wandern, Holz suchen, Feuer entzünden etc.

Wenn Menschen nach positiven, prägenden Erfahrungen gefragt werden, dann berichten sie häufig von Situationen, die mit der Natur in Verbindung stehen und überwiegend in den frühen Jahren des Lebens erfahren wurden. Dies wird vor allen Dingen darauf zurückgeführt, dass in jungen Jahren die Erfahrungen über die Sinne wesentlich intensiver wahrgenommen und dadurch besser gespeichert werden. (S.2) Die Orte lassen sich zum Beispiel in der Therapie als sichere Orte oder Wohlfühlorte etablieren.

Der Autor beschreibt im ersten Kapitel zunächst seine eigenen Erfahrungen als Erwachsener, die er bei einer Reise zu sich selbst auf dem „Weg nach Epidauros“ gemacht hat und welche Wirkung dabei die Naturerlebnisse hatten. Er unterscheidet in konkrete, metaphorische und energetische Naturerfahrungen, die er näher erläutert. Dies setzt er dann zur Systemischen Psychotherapie in Beziehung, die die KlientInnen als selbstorganisierte, selbstverantwortliche Lebewesen betrachtet, die für ihre eigenen Veränderungsprozesse selbst sorgen. TherapeutInnen schaffen nur den Rahmen. Zwei Fallbeispiele folgen. „Erst als wir ein paar Schritte weiter auf die Grenze zugehen, hören wir den kleinen Grenzbach rauschen. Er hat uns unbemerkt geholfen, abfließen zu lassen, was noch fließen wollte.“ (S.21)

Im Kapitel „Wie wir uns begegnen, mein Herz“ beschreibt Molan-Grinner die KlientIn-TherapeutIn-Begegnung und deren Beziehung. Darüber hinaus verweist er auf die Wirksamkeit der Langsamkeit, die vor allen Dingen im Naturraum sehr konkret erlebt werden kann. Das dritte und letzte Kapitel erläutert die Möglichkeit des Naturraumes als Ort der Wandlung. „Naturraum unterscheidet sich dabei von einem Praxis-Wohnraum durch eine unglaubliche Vielfalt. Denn der vielfältigste, lebendigste und „natürlichste“ Raum für therapeutische Prozesse findet sich in Naturräumen wie Wäldern, Flussauen oder Bergen.“ (S.51) Therapeutisch unterstützend ist dabei vor allen Dingen eine basale Reduktion auf elementarer Ebene und die Einbeziehung der Sinne.

In diesem Band finden sich einige Parallelen zur Lauftherapie nach dem Paderborner Modell, die auch einen systemischen Hintergrund hat. Aber auch die verhaltenstherapeutisch orientierte Lauftherapie nach Bartmann lässt sich hier gut verorten. Diese kleine Lektüre liest sich schnell und ist für LauftherapeutInnen und PsychotherapeutInnen geeignet.

Molan-Grinner, Siegfried (2015). Systemische Psychotherapie im Naturraum. Eine theoretische Rahmung. Augsburg: Ziel-Verlag.

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