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Bindung an Gesundheitssport

Die Vernunft ist es nicht, die bindet

Das Wissen um die Gesundheit war noch nie so groß wie heute. Es erscheinen immer neue Ratgeber, kluge Tipps und die zehn besten Übungen, zu was auch immer. Und doch bewegen sich sehr viele Menschen wenig bis gar nicht oder sie starten euphorisch und hören nach kurzer Zeit wieder auf. Wieso ist das so, wenn die körperliche Aktivität derart sinnvoll ist? Gabriel Duttler hat sich in seiner Dissertation, die 2012 im Cuvillier Verlag publiziert wurde, der Frage gewidmet, wie eine langfristige „Bindung an den Gesundheitssport“ gelingen kann. Dabei stellte er die Sportfreude in den Mittelpunkt seiner qualitativen Analyse.

Konkret untersuchte Duttler die Freude im Laufsport, was seine Arbeit für mich als Lauftherapeutin natürlich besonders interessant werden ließ. Sportpsychologen versuchen die Problematik der langfristigen Bindung meist mit den Auswirkungen der Motivation oder Volition zu erklären. Das greift mir immer zu kurz, weil sich diese Felder nur auf die aktuelle Situation einer Person beziehen und viele Zusammenhänge dabei nicht abgebildet werden. Ich gehe mit Duttler konform, wenn er in seiner Einleitung zur Bindung schreibt „Es handelt sich um ein generelles menschliches Verhalten, sich einer Sache erst vorsichtig zu nähern und dann über deren Erforschung eine Beziehung aufzubauen, ein Interesse zu entwickeln oder den Kontakt wieder abzubrechen“ (S.12) Weiter schreibt er: „Der Zustand könnte als eine 'Bindung an etwas' beschrieben werden, die nur dann möglich erscheint, wenn sich der Mensch aktiv mit der Welt auseinandersetzt und in ihr etwas findet, dass er sowohl immer wieder entdecken als auch immer genauer kennenlernen will“ (S.12). Der Autor geht davon aus, dass über die Lauffreude eine Beziehung, Leidenschaft und Liebe entwickelt wird und damit Bindung entsteht.

Gabriel Duttler erörtert in seinen theoretischen Bezügen Begriffe, systematisiert und vergleicht. Er fasst die Quellen der Lauffreude zusammen, die gleichzeitig menschliche Bedürfnisse implizieren: das Laufen selbst (Selbsterkenntnis), Wettbewerb (Spiel), Naturerlebnisse (Ästhetik), psychische Effekte (Ruhe, Intimität), soziale Aspekte (Eingebundenheit), Leistung (Selbstwirksamkeit) und körperliche Effekte (Sicherheit). Er erläutert den aktuellen Forschungsstand, es folgt das methodische Vorgehen und der Untersuchungsablauf. Ich weiß, dass es sich um eine Dissertation handelt, aber den Bereich hat er doch sehr ausführlich bearbeitet. Es entstand bei mir der Eindruck, dass die Diskussion der Ergebnisse vom Umfang her zu kurz war, so dass der erste Teil die Arbeit dominieren musste.

Er hatte 15 Proband*innen zur Verfügung, die er drei Gruppen zuordnete. Es gab die Laufanfänger*innen, die lange gebundenen Läufer*innen und die mehr als gebundenen Ultra-Läufer*innen. Die Interviews wurden zwischen 2010 und 2012 geführt. Es gab eine Dropout-Problematik bei den Anfänger*innen, die ich bei der kleinen Probandenzahl doch für nicht unerheblich halte. Aus dieser Begebenheit heraus, resultieren seine Ergebnisse überwiegend aus den Aussagen von Ultra-Läufer*innen. Festhalten kann man definitiv, dass es die Freude schlechthin nicht gibt, und dass sie von Mensch zu Mensch variiert. Deshalb will ich hier auch keine spezifischen Beispiele nennen. Was ich noch wichtiger finde, ist die Tatsache, dass sie sich im Bindungsprozess an das Laufen verändert.

Schönes Schlusswort: „Zusammenfassend könnte Bindung beschrieben werden als eine auf Erfahrungs- und Bildungsprozessen basierende Intensivierung der Beziehung zu einer Sache, die den Menschen ganzheitlich, insbesondere emotional ergreift, wobei seine Handlungsspielräume größer, die Handlungsmotive jedoch auf das subjektiv Wesentliche reduziert werden“ (S.230).

Viele Lauftrainer*innen beschäftigen sich in ihren Anfänger-Kursen mit den technischen Grundlagen des Laufens. Diese sind in meinen Augen nur sekundär wichtig, wenn ich mir wünsche, Menschen zum Laufen zu bewegen und sie langfristig zu binden. Gabriel Duttler verifiziert dies in seiner Arbeit, die einen Teil dazu beiträgt, ein Verständnis zu entwicklen, wie es gelingen kann, inaktive oder überwiegend inaktive Menschen zu erreichen. Er gibt keine Handlungsanweisungen.

Duttler, Gabriel (2012). Bindung an Gesundheitssport. Qualitative Analyse gelingender Bindung unter besonderer Beachtung der Sportfreude. Göttingen: Cuvillier Verlag.

ISBN 978-3-95404-313-2

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