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Die Philosophie des Laufens

Philosophen und das Laufen

Ich habe mich in das Buch verguckt. Als ich es das erste Mal in den Händen hielt, wusste ich wieder, warum E-Books bei mir keine Chance haben. Lesen ist mehr als nur Inhalt aufnehmen. Das Handwerk des Verlegers und der kreativen Köpfe dahinter spielen eine entscheidende Rolle für das Gesamtwerk. Die Wahl des Covers, des Umschlags, des Papiers, der Lettern, des Layouts sind - zumindest für mich - wichtig. Es fühlt sich gut an und es liest sich gut. Das ist der eine Punkt. Der andere betrifft den Inhalt. Das Laufen wird unter verschiedenen philosophischen Richtungen von heutigen Philosophen betrachtet. Aristoteles, Nietzsche, Merleau-Ponty sind beispielsweise Namen, deren Ansätze eine interessante Auseinandersetzung mit dem Thema versprechen. Es kommen aber auch Personen anderer Berufsgruppen zu Wort, die ebenfalls spannende Aspekte beleuchten.

„Schuhe an und los! (…) Aber es steckt noch mehr dahinter: Es schult unseren Charakter und verhilft uns letztlich zu größerer Freiheit, erweitert unseren Horizont und lehrt uns viel über uns selbst und die Welt um uns herum“, verrät der Buchrücken. Warum dies so ist, wird in der deutschen Ausgabe „Die Philosophie des Laufens“ aus dem Jahr 2015 von den Autoren, rund um die Herausgeber M.W. Austin und P. Reichenbach, näher erläutert.

Warum laufen LäuferInnen? Die Antworten sind so verschieden wie es Läufer auf dieser Erde gibt. Unter dem aristotelischen Blick hat die Glückseligkeit als eine „mit Vernunft verbundene Tätigkeit der Seele“ (S.25) einen Einfluss auf das Warum. „Einer glücklichen Person geht es gut, und sie ist zutiefst davon erfüllt, wer sie ist und wie sie lebt“ (S.25). Michael W. Austin ist Dozent für Philosophie an der Eastern Kentucky University und betrachtet das Laufen in seinem Kapitel unter Aristoteles (384-322 v.Chr.) Gedanken, dabei kommt auch der Freundschaft eine besondere Rolle zu. Raymond Angelo Bellotti, Professor für Philosophie an der State University of New York in Fredonia, betont einen Willen zur Macht nach Nietzsche. „Das richtige Maß erlangt man durch die Freude an der Einschränkung, sie verwandelt Widerstände und Unbill in schöpferische Möglichkeiten, erhöht die niedrigen Impulse zu kulturellen Errungenschaften und erfreut sich an der Uneindeutigkeit, die die eigene Selbstentwicklung mit sich bringt“ (S.49). Der gesunde Wille zur Macht zielt auf Selbstüberwindung. Wie sich das Laufen in diese Philosophie einfügt, erschließt sich sofort.

Durchmischt werden die intellektuellen Beiträge durch Laufgeschichten beispielsweise von Robert Semmler oder Isabel Bogdan, die ihren ersten 10km-Wettbewerb beschreibt. Florian Blaschke informiert über die Auswirkungen des Laufens mit Apps. Jeremy Wisnewski, ein philosophischer Nichtläufer, wagt ein Experiment. „Ich wollte das Laufen nicht nur vermeiden – ich wollte am liebsten gar nicht in der Lage dazu sein, es überhaupt zu tun“ (S.85) und beginnt mit der sportlichen Aktivität. Seine phänomenologische Betrachtungsweise (Merleau-Ponty) verdeutlicht eindrucksvoll das Erlebnis des Laufens, so dass jede NichtläuferIn eine Ahnung von dem bekommt, was das Phänomen ausmacht. Raymond J. Vanarragon erzählt von den Price und den Challenge Runnern und lobt den gemeinen Jogger, das Thema Freiheit darf nicht fehlen, die ästhetische Erfahrung beim Laufen ebenfalls nicht, aber auch der Blick auf den Schmerz und der Drang zur Selbstoptimierung werden aufgenommen.

Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen. Es ist niveauvoll, gut und verständlich! Allerdings sind bei 17 Autoren nur zwei Frauen darunter, davon eine Philosophin. Sie hat das Laufen in Bezug auf die Freiheit und das existenzialistische Konzept der Eigentlichkeit bearbeitet. Heather L.Reid ist Professorin und hat als Einzige auch einen Schwerpunkt in "Philosophie des Sports".

Für Menschen, die Menschen verstehen wollen oder das Laufen.

Austin, Michael W./Reichenbach, Peter (Hg.) (2015). Die Philosophie des Laufens. Hamburg: mairisch Verlag (deutsche Ausgabe).

ISBN 978-3-938539-37-8

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