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Faszien - Therapie und Training

Es wird gerollt, gefedert und katapultiert

2016 ist das Buch „Faszien – Therapie und Training“ von Stefan Dennenmoser im Elsevier Verlag erschienen. Es fasst das aktuelle Wissen über Faszien in Bezug auf Therapie und Training zusammen, so Thomas Myers, der Autor von „Anatomy Trains“ in seinem Geleitwort. Stefan Dennenmoser ist Sporttherapeut mit einer Rolfing-Ausbildung und hat 2010 das Fascial-Fitness-Konzept mit Dr. Robert Schleip entwickelt.

„Faszien brauchen Zeit und Aufmerksamkeit, sie besitzen ihre eigene Dynamik und Spannung, reagieren individuell unterschiedlich und in mancher Verspannung steckt mitunter eine ganze Lebensgeschichte“ (Vorwort). Dieser Satz deutet sehr schön an, dass es bei den Faszien um mehr als nur Hüllmaterial geht. In Kapitel 2 erläutert Dennenmoser den Aufbau und die Funktion von Faszien und beschreibt das Tensegritätsmodell in der menschlichen Anatomie. Im darauffolgenden Kapitel geht er auf die Entwicklung und Trainierbarkeit der Faszien ein und schildert fasziale Beschwerden.

In der therapeutischen Praxis ist die individuelle Befunderhebung natürlich ein wesentlicher Aspekt, in einem Kursprogramm kommt es dazu in der Regel nicht. Eine PersonaltrainerIn kann hier ebenfalls mehr auf das Bodyreading eingehen. Aus seiner Rolfing-Ausbildung webt Dennenmoser einen philosophisch-künstlerischen Ansatz mit der 'freien Assoziation' in das Konzept mit ein. Hier werden die Elemente erfasst, die sich nicht quantifizieren lassen. Leitende Fragen sind beispielsweise: „Was beobachte ich? Welche Struktur könnte betroffen sein? Welche Ursachen könnten hinter dem Phänomen liegen?“ (S.57). „Viele Eigenheiten des Menschen scheinen auf den ersten Blick verstörend oder fehlerhaft, ergeben im Gesamtzusammenhang dann aber doch Sinn, weil sie in der Lage sind, eine Eigenart an anderer Stelle auszugleichen“ (S.57). Dahinter steckt der Gedanke, dass der Körper erst einmal intelligent auf die Gegebenheiten reagiert und sich kunstvoll arrangiert und deshalb auch nicht repariert werden sollte, sondern verstanden. Dieser Blickwinkel gefällt mir.

Kapitel 5 und 6 sind für Therapeuten wichtig und spannend, die einzeln mit Patienten bzw. Klienten arbeiten. Verschiedene Behandlungstechniken werden ausführlich vorgestellt und mit hochwertigen Bildern sehr gut illustriert. Hier zeigt sich auch der Vorteil des etwas breiteren Buchformats. So können die Fotos größer inszeniert, ohne dass sie ins Layout gezwängt werden. Das 6. Kapitel wendet sich auf 70 Seiten intensiv einzelnen Krankheitsbildern zu, die in der Systematik Anatomie, Ätiologie, Klinik, Befund und Therapie aufbereitet werden.

Für das Faszientraining in der bewegungsorientierten Prävention ist das nächste Kapitel entscheidend. Hier erklärt Dennenmoser zusammenfassend auf welche Bereiche das spezielle Training wirkt, indem er die vier Hauptfunktionen der Faszien noch einmal hervorhebt. Zunächst können Faszien das freie Gewebswasser binden, über die dreidimensionale Netzstruktur ist alles mit allem verbunden, sie speichern Energie und beeinflussen die Propriozeption. Daraus leitet er die Prinzipien des Faszientrainings ab (S.152/153) und benennt die möglichen Hilfsmittel und spezifischen Übungen, die wieder mit anschaulichen Bildern erläutert werden. Hier werden Praktiker fündig. Am Ende widmet sich ein Kapitel der Ernährung, welches in den meisten bewegungsorientierten Büchern weniger thematisiert wird und weist auf die Wichtigkeit eines Säure-Basen-Gleichgewichts hin, dass die freien Radikale im Körper gut kompensiert. Darüber hinaus werden Nahrungsmittel aufgelistet, die positive Effekte auf diese Prozesse ausüben.

Ich fand es interessant, einmal einen anderen Autor als Thomas Myers oder Robert Schleip zum Faszienthema zu lesen, der die Forschungsentwicklung kennt, aber doch seinen eigenen Weg beschreibt. Dennenmoser hat einen angenehmen Sprachstil, in dem auch seine Einfühlsamkeit deutlich wird. Ich habe dazugelernt.

Dennenmoser, Stefan (2016). Faszien - Therapie und Training. München: Elsevier.

ISBN 978-3-437-45271-0

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