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Flow-Jäger

Eine Doktorarbeit wird zum Erlebnis

Michele Ufer hat ein spannendes Thema für seine Promotion gewählt, das er in diesem Buch in neuer Form als Erlebnisbericht präsentiert. Dafür hat er die statistischen Auswertungen der Dissertation vernachlässigt. „Flow-Jäger“ in dieser Struktur ist 2017 in der ersten Auflage im Delius Verlag erschienen. Den Autor interessierte, wie Flow beim Laufen entsteht und welche Auswirkungen das Flow-Erleben bei extremen Ultramarathonläufer*innen hat. Dazu hat er vier Kontinente bereist und in acht Rennen an die 600 Athletenbefragungen durchgeführt. Nicht zuletzt reizte ihn als Sportpsychologen zu sehen, wie die Leistungsfähigkeit eines Menschen, im Speziellen seine eigene, über Mentaltechniken beeinflusst werden kann: „Ich wollte in einem Selbsttest erleben und auch aufzeigen, zu welchen Leistungen oder Leistungssteigerungen der Mensch mit dem Einsatz von mentalem Training und Sporthypnose in der Lage ist. (…) Das gezielte Versetzen in einen Trance- bzw. Flow-Zustand war dabei eine tragende Säule.“ (S.17)

Warum nehme ich dieses Buch auf meine Seite, denn Ultramarathons sind für mich nun wirklich kein Thema? Wahrscheinlich, weil ich so anders denke und die leistungssportliche Perspektive in Zusammenhang mit dem Laufen und dem Flow-Erleben eher kritisch betrachte. Zu oft wird im übertragenen Sinn suggeriert, „Von Olympiasiegern lernen!“, mit den richtigen Techniken gewappnet, funktioniert scheinbar alles. Man kann den Flow jagen, bzw. wie Trophäen sammeln. Die Frage, die sich mir sofort aufdrängt, ist die: Hat das aktive Herbeiführen von Trancezuständen, wirklich etwas mit dem Flow-Erleben nach Mihaly Cszikszentmihalyi zu tun, auch wenn die Verfahren vielleicht ähnliche Zustände hervorrufen?

Beim mentalen Training werden Prozesse kontrolliert, der Mensch steuert. Ich verstehe den Flow ganz anders. Der Mensch widmet sich aus Liebe einer Tätigkeit und verliert sich in ihr, vergisst Zeit und alles Drumherum. Dieses Geschehen wird für mich nicht aktiv gelenkt. Es passiert einfach und ist auch nicht abhängig von einem geeigneten Anspruchsniveau nach der Motivationspsychologie, das immer wieder angepasst werden muss. Erleben Menschen bei der Bewegung bzw. beim Laufen Flow, hilft dies, um das Laufen langfristig ins Leben zu implementieren. Deswegen ist das Thema schon interessant. Die befragten Ultramarathonläufer*innen äußern sich ähnlich wie ich, anders als Michele Ufer, dass es passiert oder eben nicht und eher nicht aktiv gesteuert wird. Der Autor untersuchte die Bedingungen, die förderlich sind und so formulierte er Ansatzpunkte, die einen Flow-Zustand begünstigen: Z.B. ausreichend Schlaf, gute körperliche Fitness, keine piepende GPS-Uhr oder Fitness-Apps, mittlere Schwierigkeitsgrade für Ziele wählen oder die Anwendung von Entspannungstechniken. (S144/145) Hier wies er nach, dass es Zusammenhänge gibt.

Ultramarathonläufer*innen sind auf der Strecke viel allein und müssen sich voll und ganz auf sich, das Laufen und die Gegebenheiten einlassen, spüren den Körper und die Natur. Dies sind auch gleichzeitig gute Grundlagen für das Erleben eines Flows - sich öffnen und geschehen lassen. Das Buch selbst hat ein schönes Layout und sehr beeindruckende großformatige Fotos. Dazu erzählt Michele Ufer in einer angenehmen, mitreißenden Sprache, so dass es eine Freude ist, seinen Erlebnissen zu folgen und in die Welt der extremen Ultramarathonwettbewerbe einzutauchen. Es ist für alle Viel- und Langläufer*innen eine gute und bereichernde Lektüre. Allen Anfängern sei gesagt, das Laufleben ist auch ohne Ultramarathon schön. ;-)

Ufer, Michele (2017). Flow Jäger. Motivation, Erfolg und Zufriedenheit beim Laufen. Bielefeld: Delius Klasing & Co. KG.

ISBN 978-3-667-11051-0

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