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Muskelrevolution

Muskeln - wie alles mit allem zusammenhängt

Eine Revolution: ein großes Wort für ein schon viel beschriebenes Thema oder ist es eine Marketingstrategie, aber beim Springer-Verlag? Diese Gedanken schossen mir durch den Kopf, als ich mich für das Buch "Muskelrevolution" von Marco Toigo, das 2015 im Springer-Verlag erschienen ist, interessierte. Was wurde revolutioniert? Der Autor forscht an der Universität ETH Zürich und der Uniklinik Balgrist an den molekularen, zellulären und systemischen Mechanismen der Muskeladaptation und den funktionellen Effekten der erzielten Anpassungen. Darüber hinaus ist er Hochschuldozent für Muskel- und Sportphysiologie und bildet Fitnesstrainer*innen aus.

Ein überbordendes Inhaltsverzeichnis auf fünfeinhalb Seiten empfängt mich als Lesewillige bei einer Buchlänge von 280 Seiten. Eigentlich wollte ich mir einen Überblick verschaffen. Der Inhalt ist strukturiert in einen Haupttext, textorientierten Infoboxen und Abbildungen mit sehr ausführlichen Bildlegenden. So es sich um Zeichnungen handelt, sind sie filigran und detailliert. Dem Autor scheint sehr an Präzision gelegen zu sein, die sich vor allen Dingen in den umfassenden Beschreibungen von Sachverhalten widerspiegelt. Seine Liebe zu molekularen und zellulären Vorgängen ist unverkennbar. Dies macht die Literatur für weniger naturwissenschaftlich interessierte Leser*innen zwar langatmig - was er über seinen lockeren Schreibstil wieder auffängt -, aber auch verständlich. Wer wirklich wissen möchte, was sich, nach heutigem Stand der Wissenschaft, in einem Muskel bei der Kraftproduktion abspielt, dessen Wissensdurst wird hier gestillt.

Die Forschung hat sich durch die neuen technologischen, vor allen Dingen bildgebenden, Verfahren enorm weiterentwickelt. Medizin und Sportwissenschaft profitieren sehr. So können, aufgrund der veränderten Datenlage, gelebte Theorien überprüft und Fakten anders interpretiert werden. Heutige Forscher*innen können genauer hinsehen und damit wird der Titel des Buches seinem Namen schon gerecht. Zu Beginn fühlt der Autor der Verwendung von trainingswissenschaftlichen Begriffen auf den Zahn, wie z.B. dem Sprachgebrauch von konzentrischer und exzentrischer Muskelkontraktion und setzt seine kritische Argumentation dagegen. Danach wird es sehr biomechanisch, also physikalisch, weil er die Kraft genau unter die Lupe nimmt. Im späteren Teil des Buches beschreibt Toigo neben dem Breitenwachstum (radiale Hypertrophie) auch die Längenadaptation (longitudnale Hypertrophie) der Muskelfasern. „Mittels Ultraschall konnte in verschiedenen Humanstudien nachgewiesen werden, dass Krafttraining zu einer markanten Zunahme der Faszikellänge führen kann (...)“ (S.146). Zudem wird der Lehrsatz der Superkompensation hinterfragt. Hält er das, was er verspricht? Inwieweit die Ernährung und die aufgenommenen Nährstoffe einen Einfluss auf die Kraftentwicklung haben, erläutert der Autor ebenfalls sehr genau.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass es einige Ansätze gibt, die spannend zu verfolgen sind und einen anderen Blick auf die Sportpraxis notwendig werden lassen. Wer sich beispielsweise mit dem Thema Hypertrophietraining beschäftigt und der Meinung ist, nur mit maximalen Lasten vorwärts zu kommen, erhält hier einen interessanten, neuen Input. Alle Bereiche, die mit dem Muskel- und Kraftaufbau zusammenhängen, werden erörtert. Es ist ein lesenswertes Buch. Die Leser*innen sollten jedoch über Fachkenntnisse verfügen, sonst wird es, meines Erachtens, schwierig, die Dinge sinnvoll einzuordnen.

Toigo, Marco (2015). Muskelrevolution. Konzepte und Rezepte zum Muskel- und Kraftaufbau. Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag.

ISBN 978-3-642-37640-5

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