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Verausgabungsbereitschaft und Overconformity

Exzessiv und überkonform, wie Einstellungen beeinflussen

Ich bin immer wieder verwundert, welche Strapazen und Schmerzen Menschen auf sich nehmen, um zum Beispiel einen Marathon zu finishen oder andere Ziele zu erreichen. Es gehört vermeintlich selbstverständlich dazu, sich zu verausgaben und den impliziten Normen einer Sportkultur zu folgen. Welche Ursachen können diesem Verhalten zugrunde liegen? Assoz. Prof. Dr. Sabine Würth hat das Sportphänomen (nicht speziell aufs Laufen bezogen) der Verausgabungsbereitschaft und der Overconformity wissenschaftlich untersucht. Sie ist seit 2011 Mitarbeiterin des Interfakultären Fachbereichs für Sport- und Bewegungswissenschaft der Universität Salzburg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf entwicklungs- und sozialpsychologischen Phänomenen des Sports.

Der leitende Gedanke dieses wissenschaftlichen Bandes dient der Ursachenklärung für die allgegenwärtige Verletzungsgefahr im Sport, auf sportpsychologischer Basis, erweitert um soziologische Theorien. Würth prüft in drei empirischen Studien, die Wechselwirkungen sozial-normativer Verhaltensweisen innerhalb einer Sportkultur mit dem Konzept der Overconformity und einer exzessiven Verausgabungsbereitschaft mit dem Wunsch nach hoher sozialer Anerkennung. Die erste Studie untersucht die Verausgabungsbereitschaft als Prädiktor für Sportverletzungen, die zweite analysiert die Overconformity im Sport als Erklärungsmodell für Sportverletzungen und in einer dritten Studie wird die Overconformity im freizeitorientierten Sport verifiziert.

„Bewegung und Sport stellen menschliche Verhaltens- und Erlebensformen dar, die im bio-psycho-sozialen Kontext zu sehen sind und in ein komplexes System von Wirkzusammenhängen eingebettet sind“ (S.21). In der heutigen gesundheitlichen Debatte werden die positiven Effekte stets betont. Die Autorin betrachtet hier die andere Seite der Medaille, die ebenfalls durch bio-psycho-soziale Komponenten bedingt ist. Im ersten Kapitel klärt sie Grundlegendes zum Thema Sportverletzung aus sportpsychologischer Sicht. Es werden handlungspsychologische und stresstheoretische Modelle hervorgehoben. Das zweite Kapitel stellt das Forschungsprogramm vor, bevor dann anschließend die Studien differenziert vorgestellt werden und selbstverständlich bildet ein Fazit den Schluss. Für Personen, die sich mit wissenschaftlichen Methoden beschäftigen oder beschäftigen müssen (z.B. PromovendInnen) ist diese Arbeit zu empfehlen, weil sie detailliert die Arbeitsweise und Fragestellungen samt Entwicklung und Veränderungen herausarbeitet, die sehr gut nachzuvollziehen sind. Andere LeserInnen seien ermutigt quer zu lesen, denn die Ergebnisse sind interessant.

Im Weiteren greife ich Textellen heraus, die ich nicht weiter kommentiere:

„Der soziale Kontext, insbesondere die wahrgenommene, antizipierte oder erwünschte soziale Anerkennung und Wertschätzung durch andere Personen, spielt eine wesentliche Rolle für das Handeln von Menschen und damit auch für etwaige negative Konsequenzen dieses Handelns (z.B. das Zuziehen gesundheitlicher Schäden)“ (S.84).

„Basierend auf informellen Berichten von AthletInnen und TrainerInnen sowie auf der Analyse autobiografischer Daten zahlreicher bekannter SportlerInnen, (…)“ kennzeichnet einen „real athlete“ Folgendes:

  • bringt Opfer für seinen Sport

  • strebt nach dem Besonderen

  • nimmt Risiken in Kauf und hält Schmerzen aus

  • schöpft alle Möglichkeiten aus (S.150)

„Männliche Athleten nehmen sich selbst nicht nur in ihrem eigenen Verhalten als verausgabungsbereiter wahr – vor allem in dem Sinne, dass sie mehr Verletzungen tolerieren als Frauen. Zugleich erleben sie auch mehr Anerkennung von außen für ihren Einsatzwillen und ihre Bereitschaft, auch körperliche Beeinträchtigungen für den sportlichen Erfolg in Kauf zu nehmen“ (S.113).

Das, was von der jeweiligen Gruppe als wünschenswert etikettiert wird, wird von positiv devianten Personen über das zu erwartende Maß hinaus erfüllt“ (S.146).

„(...) hält der Autor fest, dass im Sport extremes Verhalten, das mit einer erhöhten Risikoakzeptanz, Gefährdung der Gesundheit oder dem Erleiden von Schmerzen und Verletzungen einhergeht, gesellschaftlich nicht nur eher toleriert, sondern sogar positiv verstärkt wird“ (S.147).

Auffallend ist, dass in der heutigen Zeit doch immer mehr SportlerInnen von Verletzungen betroffen sind - das reicht vom Spitzensport bis hinunter zum Freizeitsport. Jede Verletzung birgt die Gefahr, dass sich daraus langfristig Sportschäden ergeben und die Menschen funktionelle Einschränkungen in ihrem Leben erleiden und dies wird so hingenommen. Dieses Buch gibt in meinen Augen zu denken und das finde ich wichtig. Eine gesellschaftliche Haltung kann sich nur in der kritischen, individuellen Auseinandersetzung mit Gegebenheiten weiterentwickeln. Und diese Gegebenheiten sind evident.

Würth, Sabine (2014). Verausgabungsbereitschaft und Overconformity im Kontext von Verletzungen im Sport. Spektrum Bewegungswissenschaft Band 8. Aachen: Meyer & Meyer Verlag.

ISBN 978-3-89899-853-6

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