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Essen als Teil unseres Selbst

Die Dr. Rainer Wild-Stiftung widmet sich anderen Fragen als es der Mainstream in Sachen Ernährung tut. Mich stört an den gängigen Diskussionen meist, dass der Eindruck vermittelt wird, man müsse nur die richtigen Nahrungsmittel auswählen, nach wissenschaftlichen Erkenntnissen Nährstoffe zusammenstellen, vom Ganzen nicht zu viel essen und schon passt alles. Die Pfunde purzeln, das Wohlbefinden steigt und die Gesundheit ist garantiert. Jeder ist seines Glückes Schmied. Diejenigen, die Probleme haben, sind selber schuld.

Anders bei der Dr. Rainer Wild-Stiftung, sie agiert wissenschaftlich interdisziplinär. Es wird das Essen ernährungswissenschaftlich, aber auch das Essverhalten in Beziehung zu sozialen, kulturellen Bedingungen in Industriegesellschaften erforscht, um das Thema tiefgreifender zu fassen. Die „Essbiografie“, 2018 erschienen, ist eine Annäherung an die individuellen Ernährungsgewohnheiten. Im Vorwort erwähnt Dr. Monika G. Wilhelm, Geschäftsführerin der Stiftung, wie sehr die Globalisierung, Digitalisierung, Pluralisierung und Individualisierung Kennzeichen der persönlichen Lebensgestaltung sind und damit auch einen Einfluss auf die Essbiografie haben. Die Lebensweise wird flexibler und verliert an Kontinuität. Zudem wirkt die ernährungsbezogene Sozialisation weit in eine Biografie hinein. Ernährung ist ein Teil des Selbst. Da das Leben glücklicherweise nicht in Beton gemeißelt ist, sind Veränderungen natürlich herbeiführbar. Oft führen kritische Lebensereignisse, Umbrüche, Wendepunkte dazu, eingefahrene Handlungsmuster zu überdenken, zu reflektieren und sich mit Alternativen auseinanderzusetzen und die Kraft zu entwickeln, sich in eine andere Richtung zu bewegen (S.9). Über diesem Prozess schweben Traditionen, das soziale Umfeld (Partner*in, Familie, Beruf + Kolleg*innen, Freunde), eigene Bedürfnisse, liebgewonnene Nahrungsmittel und, und, und.

Das Buch liefert interessante Impulse und liest sich leicht. Es ist eine Zusammenfassung des 20. Heidelberger Ernährungsforums. Beispielhafte Kapitel sind „Auf dem Teppich der Erinnerung…“, „Eltern – Kinder – Enkel – Urenkel: Ernährungsverhalten im Verlauf von drei Jahrhunderten – eine Familienbiografie“, „Einfluss intensiver Stressoren und traumatischer Erfahrungen auf das Essverhalten“ und „Wie wir werden, wer wir sind, wenn wir Kochen lernen“.

Laut Stiftung gibt es sieben wichtige W-Fragen: Was wir essen? Wann wir essen? Mit wem wir essen? Wo wir essen? Wie wir essen? Warum wir essen? Woher unser Essen kommt?

Wer sich dem Thema Ernährung einmal anders nähern möchte, als sich mit der nächsten Diät zu beschäftigen, dem seien ganz allgemein, die Publikationen der Dr. Rainer Wild-Stiftung empfohlen. Die „Essbiografie“ ist eine davon.

Die "Tempodiät" findet sich auch in meinem Bücherschrank.

Dr. Rainer Wild-Stiftung (2018). Essbiografie. Annäherungen an die individuellen Ernährungsgewohnheiten. Heidelberg: Verlag Dr. Rainer Wild-Stiftung.

ISBN 978-3-947629-00-8

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