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Das Gesamte sehen

Ein Vortrag von Hilarion Petzold (auf youtube veröffentlicht) weckte Neugierde in mir. Was er zur Mensch-Umwelt-Beziehung sagte, gefiel mir. Ich beschäftige mich schon länger damit, die Lauftherapie in einen größeren Zusammenhang zu setzen, mehr als die psycho- oder bewegungstherapeutischen Blickwinkel es tun, die nur am Rande erwähnen, dass sich die Lauftherapie draußen an der frischen Luft abspielt. Die Natur wirkt und zwar ganz unterschiedlich. Somit war es für mich ein Geschenk, mich auf das 2019 im Aisthesis Verlag erschienene Buch „Die Neuen Naturtherapien“ einzulassen. Mit Freude habe ich auch vernommen, dass in diesen 1000 Seiten umfassenden Studientexten zur Integrativen Therapie, die Lauftherapie im Kanon der Neuen Naturtherapien integriert ist.

Dieser Band ist als Paperback verarbeitet, das Layout kommt etwas altbacken daher, die einzelnen Kapitel werden mit einem Farbfoto eingeleitet, Grafiken und weitere Bilder sind ebenfalls in verschiedenen Texten enthalten. Es ist kein ästhetisches Meisterwerk geworden, jedoch inhaltlich sehr gehaltvoll. Die vier Haupthemen sind theoretische Grundlagen, die Gartentherapie, die Landschaftstherapie und das Thema Weiterbildung.

Hilarion Petzold ist emeritierter Professor für Psychologie der FU Amsterdam, Professor für Supervision, approbierter Psychotherapeut und wissenschaftlicher Leiter der „Europäischen Akademie für biopsychosoziale Gesundheit, Naturtherapien und Kreativitätsförderung“ (EAG). Bettina Ellerbrock ist Diplom Sozialpädagogin, langjährig tätig als sozialpolitische Referentin im Kuratorium Deutsche Altenhilfe Köln und seit vielen Jahren Geschäftsführerin der EAG. Als dritter Herausgeber ist Ralf Hömberg zu nennen, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Naturheilverfahren in eigener Praxis, Supervisor Berater, Coach und Organisationsentwickler.

„Das Werk ist mein Geschenk an die Psychotherapie insgesamt, das ich in der ‚Dritten Welle der Integrativen Therapie‘ (Sieper 2000, Petzold, Sieper, Orth 2002) entwickeln konnte, ein Geschenk an eine moderne Psychotherapie, die sich hoffentlich mehr und mehr zu einer differentiellen und integrativen Humantherapie im Natur- und Weltbezug entwickeln wird.“, so Hilarion G. Petzold in seinem Geleitwort (S.10).

Was mich an diesem Buch besonders fasziniert, ist die allumfassende Sicht, die viele Dimensionen des Lebens involviert und somit zu einem natürlichen Ganzen werden lässt. Die Therapiesicht folgt einem ökologischen Imperativ, der den Glauben an die „Liebe zum Lebendigen“ und die „Bewahrung der „Integrität des Lebens“ hervorhebt. Petzold und seine Autoren fordern einen Paradigmenwechsel: „Die Welt von der Welt her, und nicht mehr nur vom Menschen her zu verstehen.“ (S.9) Es geht in diesem Therapieansatz um mehr, als nur die Heilung des Menschen. Nur, wenn wir langfristig den Menschen in seinem Umwelt- und Weltbezug gemeinsam denken, helfen wir. Das ist in meinen Augen philosophisch, therapeutisch gedacht, genial und unverständlich, warum nicht mehr Ansätze in diese Richtung sinnen.

Mit unserer gesellschaftlichen Lebensweise entfremden wir uns von natürlichen Prozessen und damit auch von uns selbst. Dies führt zu gesundheitlichen und ökologischen Problemen. Dem Menschen kann es nicht gut gehen, wenn die Umwelt leidet, weil sie Teil des gemeinsamen Lebendigen ist. Tiere, Pflanzen und Menschen natürlich auch, möchten wertschätzend behandelt werden. In der Gartentherapie lernen Patient*innen genau dies und gesunden über diesen Prozess des Miteinanders. Sie werden selbst aktiv, zusammen mit ihrer Therapeut*in. Es wird gesät, gesetzt, gegossen, gehegt und Wissen vermittelt. So kann sich eine Verbundenheit zur Pflanzenwelt entwickeln und die Klient*in oder Patient*in tragen in der Regel eine natürliche Sorge für ihre Pflanzen. Es werden sanfte Gefühle evoziert. Die Pflanzen geben ihnen dann wiederum etwas zurück, indem sie wachsen, ihre Schönheit präsentieren und Früchte tragen. Draußen beim Tun können sich die Gespräche zur Therapeut*in anders gestalten als es in geschlossenen Räumen möglich ist. Die Gartentherapie wird in diesem Band in unterschiedlichen Zielgruppen vorgestellt: Garten und Kinder; Familien in Balance; in der Altenpflege; mit biografisch belasteten Menschen.

Bezieht man das größere Ganze - also die Landschaft - mit ein, so verändert sich das eigene Tun in großmotorische Bewegungsabläufe (Gehen, Laufen). Die Landschaften wirken auf den Menschen. Beim Eintreten in den Raum des Waldes beispielsweise, erhalten wir Zeit. „… aus der Zeit der Getriebenheit, Unrast oder Hast gleiten wir hinüber in eine andere Qualität von Zeit, in die Weile, die Dauer, in eine Zeit, die langsamer fließt: Die Zeit des Waldes…“ (S.753). Der Wald bietet viele Bereiche: Quellgründe, Schonungen, dunkler Tann, lichte Birkenstände usw. „Durch seine ‚polyästhetische Symphonie‘, seine multisensorischen Anflutungen mit Düften, optischen Licht-Schatten-Spielen, linden Lüften, Kühle und Frische…, und die dadurch ausgelösten’ inneren Resonanzen‘, die vielleicht mit einem ehrfürchtigen Erschauern im ‚eigenleiblichen Spüren‘ wahrgenommen werden, können Walderfahrungen einen nachdrücklichen Eindruck hinterlassen“ (S.754). In anderen Kapiteln werden die Heilkräfte der Berge, Seen, des Meeres und der Wüste beschrieben. Zudem werden Bezüge zu den Elementen Wasser, Wind, Luft, Sonne, Wolken usw. hergestellt.

Dieses umfassende Lehrwerk gibt sehr interessante Einblicke, wie Natur (Pflanzen und Tiere) und Mensch gemeinsam wirken. „Das Sein der Natur ist in fundamentaler Weise ein Mit-Sein, ein ko-existives Netz alles Lebendigen“ (S.19). Der daraus abgeleitete Therapieansatz ist ein biopsychosozialökologischer. Ich finde den gewählten Fachbegriff "die Neuen Naturtherapien" allerdings etwas unglücklich, weil er nicht wirklich etwas aussagt. Die Wenigsten werden in der Garten- und Landschaftstherapie tätig sein, sondern wenn, dann können sie es wahrscheinlich am Rande einfließen lassen. Dafür sind 1000 Seiten Literatur schon viel, aber lesenswert. Psychotherapeut*innen, die sich ein anderes Setting vorstellen können, werden profitieren und natürlich alle die die Ausbildung zum Garten- und Landschaftstherapeuten absolvieren und alle, die an diesem Thema interessiert sind. Mich hat das Buch bereichert. Es ist verständlich geschrieben.

Hilarion G. Petzold/Bettina Ellerbrock/Ralf Hömberg (Hersg.) (2019). Die Neuen Naturtherapien. Handbuch der Garten-, Landschafts-, Wald- und Tiergestützten Therapie, Green Care und Green Meditation. Band I: Grundlagen – Garten- und Landschaftstherapie. Bielefeld: AISTHESIS psyche.

ISBN 978-3-8498-1318-5

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